Wanzen (Heteroptera)

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Diagnose

Merkmale

Körperlänge: meist 5–6 mm, Min. 0,5–2 mm, Max. 110 mm.

Kopf: Kopfkapsel geschlossen sklerotisiert. Acone Appositionsaugen; primär 2 Ocellen, oft fehlend. Länge und Stellung der Antennen von taxonomischer Bedeutung. Stechend-saugende Mundwerkzeuge.

Thorax: Pronotum und Scutellum sind meist groß ausgebildet und die einzigen Thoraxelemente, die dorsal sichtbar sind.
Flügel unterschiedlich ausgebildet (Name!). Vorderflügel sind Hemielytren, die basal lederartig verstärkt und undurchsichtig sind (Corium); der distale Teil ist membranös und durchsichtig. Hinterflügel größer, einfach oder doppelt gefaltet; Vorder- und Hinterflügel über Kopplungseinrichtungen während des Fluges verbunden.
Stridulationsorgane (nur bei ♂ einiger Familien). Bei den Corixidae (Ruderwanzen) werden Kutikulazapfen an der Innenseite der Protibiae  über die Seiten des Kopfes gestrichen. Bei den Reduviidae und Phymatidae befinden sich an der Unterseite der Rüsselspitze Zähnchen, die an Riefen des Prosternums gerieben werden.
Paarige Tympanalorgane, die als Druckgradienten fungieren, wurden bisher nur am Mesothorax von Corixidae gefunden.
Die Stinkdrüsen befinden sich bei den Adulten am Metathorax (bei den Larven dorsal auf den ersten Abdominalsegmenten). Die Abwehrmittel enthalten als Wirkstoff ungesättigte Aldehyde (6–10 C-Atome) sowie Tridekan als Lösungsmittel.

Stammesgeschichte und Systematik

Fossil seit dem Perm bekannt.

Enicocephalomorpha (2 Familien, 420 Arten)
Dipsocoromorpha (5 Familien, 200 Arten)
Gerromorpha (8 Familien, 1.422 Arten)
- Gerridae (Wasserläufer), 500 Arten. Gattung Halobates mit fünf Arten auf offenen Ozeanen: H. germanus White (Rotes Meer, Indischer Ozean, Westpazifik), H. sericeus Eschscholtz (Pazifik 15°N bis Äquator), H. sobrinus White (östlicher Pazifik), H. splendens Witlaczil (östlicher Pazifik), H. micans Eschscholtz (Atlantik, Pazifik, Indik). Die Besiedlung des offenen Ozeans erfolgte mindestens zweimal unabhängig, was anhand der Schwestergruppenbeziehungen mit Küstenarten abgelesen werden kann: H. hawaiiensis Usinger (Pazifik), H. flaviventris-Artengruppe, H. hayanus White u.a.m.
- Veliidae (Bachläufer), 600 Arten
- Hydrometridae (Teichläufer), 110 Arten
Leptopodomorpha (4 Familien, 300 Arten)
Cimicomorpha (16 Familien, 20.000 Arten)
- Tingidae (Gitterwanzen)
- Reduviidae (Raubwanzen)
- Nabidae (Sichelwanzen)
- Cimicidae (Bettwanzen) - Miridae (Blindwanzen)
Pentatomorpha (29 Familien, 16.000 Arten)
- Aradidae (Rindenwanzen)
- Lygaeidae (Ritterwanzen)
- Pyrrhocoridae (Feuerwanzen)
- Coeridae (Leder- und Randwanzen)
- Pentatomidae (Baumwanzen)
Nepomorpha (11 Familien mit 1.970 Arten)
Kurze Antennen in einer Grube unter dem Kopf verborgen (Autapomorphie). Aquatisch. Meist gutes Flugvermögen und deshalb auch an Land zu finden.
- Nepidae (Skorpionswanzen)
- Naucoridae (Schwimmwanzen)
- Belostomatidae (Riesenwasserwanzen)
- Corixidae (Ruderwanzen)
- Aphelocheiridae (Grundwanzen)

Schwestergruppe der Wanzen sind die Coleorrhyncha („Scheidenschnäbler“). Diese Ordnung enthält nur eine Familie, die Peloridiidae („Mooswanzen“) mit 32 Arten in 17 Gattungen. Die Körperlänge der Tiere beträgt 2–5,2 mm. Sie sind meist flugunfähig, da Hinterflügel fehlen. Die Coleorrhyncha kommen in Nothofagus-Wäldern Australiens, Neukaledoniens, Neuseelands und Südamerikas vor (Burckhardt 2009).

Verbreitung und Diversität

40.500 Arten weltweit.
In den letzten Jahrzehnten sind in Sachsen einige Arten neu hinzugekommen. Dazu zählt die Streifenwanze (Graphosoma lineatum), die ihr Verbreitungsareal erweitert hat, aber auch fremdländische Arten, die sich bei uns als Neozooen etabliert haben, wie z. B. die Platanenwanze (Arocatus longiceps), die Platanengitterwanze (Corythucha ciliata) und (Halyomorpha halys).

Lebensweise

bisexuell; einzige Ausnahme ist Campyloneura virgula (Miridae), bei der die ♂ sehr selten sind und reduzierte Geschlechtsorgane aufweisen. Ovoviviparie oder Viviparie sind sehr selten.
♂ übertragen eine Spermatophore, die von den ♀ in einer Spermatheca gespeichert wird. Bei einigen Taxa (Anthocoridae, Cimicidae, Polyctenidae) übertragen ♂ die Spermien in eine Tasche an A4 des ♀; von wo sie anschließend durch das Hämocoel zum Ovar wandern
♀ legen Eier mithilfe eines Ovipositors in Pflanzengewebe oder im Boden ab; Arten mit reduziertem Ovipositor legen Eier frei oder im Boden ab, oder verkitten sie mithilfe eines Sekretes auf dem Substrat
Entwicklung über 4 – 5 Larvenstadien

Gerridae können polarisiertes Licht wahrnehmen und nutzen dies, um Beute unterhalb der Wasseroberfläche aufzuspüren.

Medizinische Bedeutung

Die Bettwanze (Cimex lectularius) lebt in den Schlafplätzen homiothermer Tiere und saugt deren Blut. Sie ist weitgehend an den Menschen und die ihn umgebenden Tiere (Haustiere, Fledermäuse, Tauben) gebunden. Die Adulten sind relativ kälteunempfindlich und können 40 Wochen ohne Nahrung auskommen. Ein Vorkommen von Hepatitis B- und C- sowie HI-Viren wurde in Bettwanzen nachgewiesen, eine Übertragung ist wissenschaftlich jedoch nicht bewiesen. Die Körperlänge der Bettwanzen schwankt von 3,8 – 5,5 mm, vollgesogen bis 9 mm. Ocellen fehlen, die Komplexaugen sind klein. Halsschild vorn halbkreisförmig ausgeschnitten. Vorderflügel reduziert.

Raubwanzen der Gattungen Triatoma, Rhodnius und Panstrongylus in Lateinamerika sind Vektoren (Zwischenwirte) der Chagaskrankheit des Menschen. Erreger dieser Krankheit ist Trypanosoma cruzi Chagas, 1909 (Euglenobionta). Die Infektion erfolgt durch Einreiben des erregerhaltigen Kotes in die frische Stichwunde durch den Menschen selbst oder durch Eindringen des Erregers in unverletzte Schleimhaut, besonders des Auges.

Literatur

Autor(-en): Matthias Nuß. Letzte Änderung am 09.06.2020
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