Enzian-Ameisenbläuling (Phengaris alcon (Denis & Schiffermüller, 1775))

DE Deutschland , DE-SN Sachsen Druckansicht

Diagnose

Vorderflügellänge 16–21 mm.

Flügeloberseiten der Männchen blau mit braunschwarzem Rand, die der Weibchen einfarbig braun; beide Geschlechter mit weißen, schwach schwarz gescheckten Fransen.

Flügelunterseiten hellbraun mit je einer Reihe hell umrandeter schwarzer Punkte, einem hell umrandeten Mittelfleck und kontrastärmeren Randflecken; Hinterflügel außerdem mit zwei hell umrandeten schwarzen Punkten an der Basis. Charakteristisch ist die Krümmung der kontrastreichen Fleckenreihe, wodurch sie nicht parallel zum Flügelaußenrand verläuft.

Ähnliche Arten: Phengaris teleius auf der Unterseite des Hinterflügels mit zwei zueinander als auch zum Außenrand parallelen Reihen schwarzer, weiß umrandeter Punkte, von denen die äußere Punktreihe kontrastarm ist. Der ebenfalls ähnliche Phengaris arion wurde seit 1976 nicht mehr in Sachsen nachgewiesen.

Gesetzlicher Schutz und Rote Liste

Gesetzlicher Schutz (BArtSchV, BNatSchG): besonders geschützt
Rote Liste Sachsen: ausgestorben oder verschollen (1987)
Rote Liste Deutschland: stark gefährdet

Synonyme

  • Papilio mamers Bergsträsser, 1779
  • Lycaena alcon monticola Staudinger, 1901
  • Lycaena alcon var. rebeli Hirschke, 1905
  • Lycaena alcon haurii Fruhstorfer, 1917
  • Lycaena alcon tolistus Fruhstorfer, 1917
  • Lycaena alcon sevastos Rebel & Zerny, 1931
  • Maculinea rebeli xerophila Berger, 1946
  • Maculinea alcon pseudoroboris Beuret, 1949
  • Maculinea rebeli alpicola Beuret, 1949
  • Maculinea rebeli magnalpicola Beuret, 1949
  • Maculinea rebeli macroconia Beuret, 1949
  • Maculinea rebeli gadmensis Beuret, 1949
  • Maculinea rebeli cruciata Beuret, 1949
  • Maculinea tenuiconia Beuret, 1949

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Merkmale

Es werden zwei Ökoformen unterschieden, 'alcon' und 'rebeli', die sich weder morphologisch noch genetisch voneinander unterscheiden lassen. Einen Überblick zum Wissensstand geben Bräu et al. (2013), zur Nomenklatur Kudrna & Fric (2013).

Verbreitung

'alcon': Von Nordspanien, Norditalien und Südosteuropa über Teile Frankreichs und die Alpenländer bis Südschweden; östlich im Kaukasus und im Ural sowie in Westsibirien, in Kasachstan, im Altai und in der Mongolei (Bräu et al. 2013).

'rebeli': Trockenstandorte der Pyrenäen, des Alpenraums und der vorgelagerten Mittelgebirgslandschaften sowie des Zentralmassivs in Frankreich, Südtschechiens, des Pieniny-Gebirges in Polen, Ungarns, der Balkanhalbinsel und des Apennins. Nach Habeler (2008) kommt diese Form nur in den Ostalpen in Höhen zwischen 1600 und 2100 m vor. Die Nordgrenze der Verbreitung verläuft in Deutschland entlang des Nordrandes der Mittelgebirge in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Thüringen (Bräu et al. 2013).

Lebensweise

Die Eier werden auf verschiedenen Enzianarten abgelegt, bevorzugt an noch nicht geöffnete Knospen oder benachbarte Blätter. Die ersten drei Larvenstadien entwickeln sich in den Blütenknospen. Unmittelbar nach der Häutung zum 4. Larvenstadium lassen sich die Larven von der Pflanzen fallen oder lassen sich an einem Seidenfaden herunter. Sie müssen dann obligatorisch von Ameisen der Gattung Myrmica adoptiert werden, wobei in unterschiedlichen Regionen Europas verschiedene Myrmica-Arten infrage kommen. Die Falter sind nur selten beim Nektarsaugen zu beobachten (Bräu et al. 2013).

'alcon': Die Larven entwickeln sich in Lungenenzian (Gentiana pneumonanthe), Schwalbenwurzenzian (Gentiana asclepiadea) und Deutschen Fransenenzian (Gentianella germanica), wobei eine erfolgreiche Entwicklung vor allem im Lungenenzian stattfindet. Als Wirtsameise wurde in Bayern vor allem Myrmica scabrinodis registriert. Die Falter wurden beim Blütenbesuch an Blutweiderich (Lythrum salicaria) und Färberscharte (Serratula tinctoria) beobachtet (Bräu et al. 2013).

'rebeli': Die Larven entwickeln sich im Kreuzenzian (Gentiana cruciata). In Mitteleuropa ist Myrmica sabuleti die wichtigste Wirtsameise, erfolgreiche Larvenentwicklungen wurden aber auch in den Nestern von Myrmica scabrinodis und Myrmica schencki festgestellt. Die Falter wurden beim Blütenbesuch an Hahnenfuß (Ranunuculus sp.), Kleiner Bibernelle (Prunella vulgaris), Hornklee (Lotus corniculatus), Knollenplatterbse (Lathyrus tuberosus) und Esparsette (Onobrychis viciifolia) beobachtet (Bräu et al. 2013).

Informationen zur letzten sächsischen Population von P. alcon veröffentlichte Liebig (1989). Die ersten Raupenstadien entwickelten sich endophag im Fruchtknoten des Lungenenzians. Das vierte Raupenstadium wird dann von den Ameisen aufgenommen. Experimentell gelang Liebig mithilfe eines Formicariums die Zucht der Raupen mit Myrmica scabrinodis, aber nicht mit Myrmica rubra. Die M. scabrinodis-Arbeiterinnen ergriffen die Raupen an beliebiger Stelle, platzierten sie im Nest unmittelbar neben der Ameisenbrut, fütterten sie wie diese aus dem Kropf und reinigten sie von Exkrementen, von denen sich die Raupen allein nicht mehr befreien können. Über den Winter stagniert die Entwicklung. Im Frühjahr werden die Raupen dann 'pausenlos' gefüttert und es kommt nun auch mehrfach dazu, dass die Raupen Ameisenbrut verzehren. Kritische Momente in der Entwicklung des Schmetterlings im Ameisennest sind die Verpuppung sowie der Falterschlupf, da in diesen Phasen vermutlich die Schutzmechanismen der Raupen ausfallen und die Ameisen mit erhöhter Aggressivität reagieren, wodurch es zu Verlusten bei den Schmetterlingsindividuen kommt. Die Falter schlüpfen schließlich in den frühen Morgenstunden, wenn die Ameisen noch nicht sehr aktiv sind.

Lebensräume

'alcon': Feuchtgebiete mit Kleinseggen- und Kopfbinsenriedern sowie Pfeifengraswiesen, die als spät gemähte Streuwiesen oder deren Brachestadien oder Allmendeweiden vorliegen (Bräu et al. 2013).

'rebeli': Trockengebiete mit Kalkmagerrasen, die traditionell mit Schafen, Rindern und Pferden beweidet oder sehr spät gemäht werden (Bräu et al. 2013).

Bestandssituation

Der Lungenenzian-Ameisenbläuling ist in Deutschland selten und weist sowohl lang- als auch kurzfristige Bestandsrückgänge auf. Aufgrund dessen ist diese Art in der Roten Liste Deutschlands in die Kategorie 2 (stark gefährdet) eingestuft worden (Reinhardt & Bolz 2012).

In Sachsen ist die Art 1987 oder 1988 letztmalig nachgewiesen worden (Reinhardt et al. 2007; Reinhardt & Settele 2010). Nach Liebig (1989, mündl. 2017) ging das Verschwinden dieser Bläulingsart mit den Habitatverlusten der Larvennahrungspflanze, dem Lungenenzian, einher. Dieser war früher eine Charakterpflanze extensiv genutzter, bodensaurer Feuchtwiesen, die für die Wintereinstreu in den Ställen genutzt worden waren und durch Nutzungsaufgabe oder Intensivierung verschwunden sind. Der Lungenenzian ist in Sachsen vom Aussterben bedroht (Richter & Schulz 2016), so dass für eine natürliche Wiederbesiedlung durch den Lungenenzian-Ameisenbläuling derzeit die Voraussetzungen nicht gegeben sind. Zudem gibt es auch in umliegenden Regionen keine Populationen dieser Bläulingsart mehr, die als Quellpopulationen für eine Wiederbesiedlung vorhanden sein müssten.

In Ostdeutschland kam 'alcon' in Thüringen nicht vor und ist in den übrigen ostdeutschen Ländern ausgestorben. 'rebeli' kommt aktuell nur in Thüringen vor und ist dort vom Aussterben bedroht, historische Nachweise sind aus Sachsen-Anhalt bekannt, in den übrigen ostdeutschen Ländern fehlt sie (Reinhardt & Settele 2010).

Literatur

  • Árnyas, E., J. Bereczki, A. Tóth, K. Varga, K. Pecsenye, A. Tartally, G. Kövics, D. Karsa & Z. Varga 2009: Oviposition preferences of Maculinea alcon as influenced by aphid (Aphis gentianae) and fungal (Puccinia gentianae) infestation of larval host plants – Ecological Entomology 34: 90–97.
  • Bereczki, J., K. Pecsenye, L. Peregovits & Z. Varga 2005: Pattern of genetic differentiation in the Maculinea alcon species group (Lepidoptera, Lycaenidae) in Central Europe. – Journal of Zoological Systematics and Evolutionary Biology 43 (2): 439–469.
  • Bräu, M., R. Bolz, H. Kolbeck, A. Nunner, J. Voith & W. Wolf 2013: Tagfalter in Bayern. – Eugen Ulmer, Stuttgart. 781 S.
  • Habeler, H. 2008: Die subalpin-alpinen Lebensräume des Bläulings Maculinea rebeli (Hirschke, 1903) in den Ostalpen (Lepidoptera, Lycaenidae). – Joannea Zoologie 10: 143–164.
  • Kudrna, O. & Z. F. Fric 2013: On the identity and taxonomic status of Lycaena alcon rebeli Hirschke, 1905 – a long story of confusion and ignorance resulting in the fabrication of a 'ghost species' (Lepidoptera: Lycaenidae). – Nachrichten des entomologischen Vereins Apollo, N. F. 34: 117–124.
  • Liebig, W.-H. 1989: Bemerkungen zur Biologie von Maculinea alcon Schiff. (Lep., Lycaenidae). – Entomologische Nachrichten und Berichte, Dresden 33: 117–121.
  • Pecsenye, K., J. Bereczki, B. Tihanyi, A. Tóth, L. Peregovits & Z. Varga 2007: Genetic differentiation among the Maculinea species (Lepidoptera: Lycaenidae) in eastern Central Europe. – Biological Journal of the Linnean Society 91: 11–21.
  • Reinhardt, R. & R. Bolz 2012 ("2011"): Rote Liste und Gesamtartenliste der Tagfalter (Rhopalocera) (Lepidoptera: Papilionoidea et Hesperioidea) Deutschlands. – Naturschutz und Biologische Vielfalt 70 (3): 167–194.
  • Reinhardt, R. 2007: Rote Liste Tagfalter Sachsens. – Sächsisches Landesamt für Umwelt und Geologie (Hrsg.). 29. S. 
  • Reinhardt, R., H. Sbieschne, J. Settele, U. Fischer & G. Fiedler 2007: Tagfalter von Sachsen. – Entomologische Nachrichten und Berichte, Dresden Beiheft 11: 1–695, 1–48.
  • Reinhardt, R. & J. Settele 2010: Beiträge zur Tagfalterfauna Ostdeutschlands: Der Maculinea alcon ([Denis & Schiffermüller], 1775)-Komplex (Linnaeus, 1758) (Lepidoptera, Lycaenidae). – Entomologische Nachrichten und Berichte, Dresden 54 (3–4): 186–192.
  • Richter, F. & D. Schulz 2016 (2., neu bearb. Aufl.): Farn- und Samenpflanzen – Bestandssituation und Schutz ausgewählter Arten in Sachsen. – Sächsisches Landesamt für Umwelt und Geologie (Hrsg.). – Dresden, 408 S.
  • Tartally, A., D. R. Nash, S. Lengyel & Z. Varga 2008: Patterns of host ant use by sympatric populations of Maculinea alcon and M. ‘rebeli’ in the Carpathian Basin. – Insectes Sociaux 55: 370–381.
  • Tartally, A., A. Koschuh & Z. Varga 2014: The re-discovered Maculinea rebeli (Hirschke, 1904): Host ant usage, parasitoid and initial food plant around the type locality with taxonomical aspects (Lepidoptera, Lycaenidae). – ZooKeys 406: 25–40.
  • Tartally, A., J. A. Thomas, C. Anton, E. Balletto, F. Barbero, S. Bonelli, M. Bräu, L. P. Casacci, S. Csősz, Z. Czekes, M. Dolek, I. Dziekańska, G. Elmes, M. A. Fürst, U. Glinka, M. E. Hochberg, H. Höttinger, V. Hula, D. Maes, M. L. Munguira, M. Musche, P. S. Nielsen, P. Nowicki, P. S. Oliveira, L. Peregovits, S. Ritter, B. C. Schlick-Steiner, J. Settele, M. Sielezniew, D. J. Simcox, A. M. Stankiewicz, F. M. Steiner, G. Švitra, L. V. Ugelvig, H. Van Dyck, Z. Varga, M. Witek, M. Woyciechowski, I. Wynhoff & D. R. Nash 2019: Patterns of host use by brood parasitic Maculinea butterflies across Europe. – Philosophical Transactions of the Royal Society B 374: 20180202.
  • Thust, R., G. Kuna & R.-P. Rommel 2006: Die Tagfalterfauna Thüringens. Zustand in den Jahren 1991 bis 2002. – Naturschutzreport, Jena 23: 1–199.

Links

Autor(-en): Matthias Nuß. Letzte Änderung am 06.02.2021

Männchen des Lungenenzian-Ameisenbläulings aus Dresden, vor 1913, leg. C. Ribbe. Senckenberg Museum für Tierkunde Dresden
(© Matthias Nuß)


Männchen des Lungenenzian-Ameisenbläulings aus Dresden, vor 1913, leg. C. Ribbe. Senckenberg Museum für Tierkunde Dresden. Flügelunterseiten
(© Matthias Nuß)


Etiketten des Lungenenzian-Ameisenbläulings aus Dresden, vor 1913, leg. C. Ribbe. Senckenberg Museum für Tierkunde Dresden
(© Matthias Nuß)


Weibchen des Lungenenzian-Ameisenbläulings aus Sachsen, vor 1913, leg. C. Ribbe. Senckenberg Museum für Tierkunde Dresden
(© Matthias Nuß)


Etiketten des Lungenenzian-Ameisenbläulings aus Sachsen, vor 1913, leg. C. Ribbe. Senckenberg Museum für Tierkunde Dresden
(© Matthias Nuß)


Ehemaliger Lebensraum des Lungenenzian-Ameisenbläulings bei Schleife. Aufnahme Anfang Juli 2017
(© Matthias Nuß)


Im ehemaligen Lebensraum des Lungenenzian-Ameisenbläulings bei Schleife finden sich Anfang Juli 2017 zwei Blüten des Lungenenzians
(© Matthias Nuß)
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