Ohrwürmer (Dermaptera)

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Diagnose

Merkmale

Körperlänge: 3,5–55 mm, max. 80 mm bei †Labidura herculeana (Fabricius, 1789), endemisch auf St. Helena.

Kopf: Beißend-kauende Mundwerkzeuge nach vorn gerichtet (prognath). Fühler 6–15 gliedrig, körperlang; Augen gut entwickelt, bei epizooisch lebenden Arten reduziert; Ocellen fehlen; Frontal- und Coronalnaht „Y“-förmig.

Thorax: Prothorax gegen den Mesothorax frei beweglich. Vorderflügel reduziert und sklerotisiert (Elytren). Durch die Verkürzung der Flügeldecken wird der Hinterleib (Abdomen) beweglicher, vor allem nach dorsal und lateral, da er nicht von steifen Vorderflügeln bedeckt wird. Wie bei allen Neoptera ist im Flügelgelenk die Axillare 3 drehbar (nicht starr mit Radius verbunden) und mit Muskelinsertion. Damit können die Flügel rückwärts gedreht und horizontal über das Abdomen gelegt werden. Flügelfalten (Plicae) ermöglichen ein mehrfaches Zusammenfalten der Hinterflügel, die so vollständig unter den Elytren verborgen werden können. Damit wird eine große Mobilität am Boden und in Lückensystemen erreicht. Öffnen der Flügel nacheinander, unter Zuhilfenahme der Cerci (dauert ca. 250 ms – nicht Fluchttauglich!); Schließung durch elastisches Protein Resilin; schlecht ernährte Larven besitzen als Adulte größere Hinterflügel. Das Flügelfaltungsprinzip ist bei allen flugfähigen Dermaptera gleich (Autapomorphie). 40% der Arten sind flugunfähig; Flügelreduktion ist mehrfach unabhängig innerhalb der Dermaptera entstanden. Schreitbeine mit dreigliedrigen Tarsen und Haftplatten (Pulvillen) zwischen den Tarsengliedern. 

Hinterleib: Männchen mit 10, Weibchen mit 8 sichtbaren Abdominalsegmenten, die sehr flexibel sind und teleskopartig ineinander geschoben werden können. Zangenförmige Cerci zum Ergreifen der Beute, zur Abwehr, zur Körperreinigung und zum Falten der Flügel; bei den Männchen oft stärker ausgebildet und mit Zähnchen oder Dornen versehen. Während der Paarung werden die Cerci zur Schau gestellt und als Berührungsstimulus für das Weibchen genutzt, dienen aber nicht zum Festhalten des Geschlechtspartners (Walker & Fell 2001).

Lebensweise

Die Ernährung ist carnivor, herbivor und / oder saprophag. Die Tiere sind nachtaktiv. Flugfähige Individuen werden von künstlichen Lichtquellen angelockt. Die Weibchen betreiben Brutpflege, bewachen Eier und Larven, säubern die Eier von Pilzsporen und füttern ihre Larven während der ersten ein bis zwei Larvenstadien. Die Larven durchlaufen 4–6 Häutungen in 2–8 Monaten, wobei Körpergröße und Anzahl der Antennenglieder zunimmt. Flügelscheiden erst mit vorletzter Häutung sichtbar. Adulte leben 6–7 Monate.

Diversität

Drei Unterordnungen: Forficulina (99% der Arten), Hemimerina (blind, flügellos, lebendgebährend, epizooisch auf Hamsterraten), Arixeniina (lebendgebährend, epizooisch auf zwei Fledermausarten bzw. deren Kot; Indonesien).

Fossilien aus dem Unteren Jura (200 Mio. Jahre) unterscheiden sich nicht grundlegend von heutigen Dermaptera.

Aktuell leben in Deutschland 10 Ohrwurmarten. Von diesen kommen sechs Arten in der freien Landschaft (Anechura bipunctata, Apterygida media, Chelidurella acanthopygia, Chelidurella thaleri, Forficula auricularia, Labidura riparia) und vier synanthrop vor (Euborellia annulipes, Euborellia arcanum, Labia minor, Paralabella curvicauda) (Matzke 2018).

Artbestimmung

Ohrwürmer in der Bestimmungshilfe auf Insekten Sachsen.

Literatur

  • Klaus, D. & D. Matzke 2011 ("2010"): Heuschrecken, Fangschrecken, Schaben und Ohrwürmer – Rote Liste und Artenliste Sachsens. – Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, Freistaat Sachsen. 36 S.
  • Matzke, D. 2001: Verzeichnis der Ohrwürmer (Dermaptera) Deutschlands. – Entomologische Nachrichten und Berichte, Beiheft 6: 53–60.
  • Matzke, D. 2009: Verwechslungen von Anechura bipunctata (Fabricius, 1781) mit Forficula auricularia (Linnaeus, 1758) und anderen Arten (Dermaptera: Forficulidae). – Mitteilungen Sächsischer Entomologen 88: 11–12.
  • Matzke, D. 2011: Fauna der Ohrwürmer (Dermaptera) und Schaben (Blattoptera) Sachsens. – In: B. Klausnitzer & R.Reinhardt (Hrsg.), Beiträge zur Insektenfauna Sachsens Band 9. – Mitteilungen Sächsischer Entomologen, Suppl. 9: 9–81.
  • Matzke, D. 2017: Eingeschleppte und synanthrop lebende Ohrwürmer in Deutschland (Dermaptera). – Entomologische Nachrichten und Berichte 61 (2): 97–101
  • Matzke, D. 2018: Aktuell synanthrop lebende Ohrwürmer in Deutschland. – DGaaE Nachrichten 32 (1): 6–9.
  • Matzke, D. & K.-D. Klass 2005: Reproductive biology and nymphal devloment in the basal earwig Tagalina papua (Insecta: Dermaptera: Pygidicranidae), with a comparison of brood care in Dermaptera and Embioptera. – Entomologische Abhandlungen, Dresden 62 (2): 99–116.
  • Matzke, D. & G. Köhler 2012 ("2011"): Rote Liste und Gesamtartenliste der Ohrwürmer (Dermaptera) Deutschlands. – Naturschutz und Biologische Vielfalt 70 (3): 629–642.
  • Walker, K. A. & R. D. Fell 2001: Courtship roles of male and female European earwigs, Forficula auricularia L. (Dermaptera: Forficulidae), and sexual use of forceps. – Journal of Insect Behavior 14: 1–17.

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Autor(-en): Matthias Nuß, Danilo Matzke. Letzte Änderung am 08.04.2021
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