Rostrote Mauerbiene (Osmia bicornis (Linnaeus, 1758))

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Diagnose

Kopf und Thorax des Männchens weißlich, des Weibchens sandfarben behaart; die ersten drei Hinterleibssegmente rostrot und das Hinterleibsende oben schwarz behaart. Die Weibchen besitzen am Kopf zwei deutlich hervorstehende Hörner (Name!). Dieses Merkmal ist auch bei Osmia cornuta vorhanden, bei der jedoch beide Geschlechter eine schwarze Kopf- und Thoraxbehaarung aufweisen, das Männchen am Vorderkopf jedoch mit kontrastierender weißer Behaarung sowie der gesamte Hinterleib beider Geschlechter rostrot behaart.

Gesetzlicher Schutz und Rote Liste

–

Nomenklatur

Apis rufa Linnaeus, 1758: 575 
Apis bicornis
Linnaeus, 1758: 575 

Carl von Linné beschrieb im Systema Naturae von 1758 die Rostrote Mauerbiene auf Seite 575 gleich zweimal, zunächst das Männchen als rufa (dunkel, vorn weiß, Hinterleib rötlich) und darauf folgend das Weibchen als bicornis (vorn mit zwei Hörnern, Kopf schwarz, Hinterleib struppig). Unter bicornis stellt er abschließend die Frage, ob dies das Weibchen von ersterem sei und ergänzte, dass Peter Forsskål beide verbunden sitzend (copula) sah. 
Aus der Reihenfolge der Beschreibung leitet sich keine Priorität für einen der beiden Namen ab. Diese Priorität wird durch den ersten revidierenden Autor festgelegt (ICZN 1999, Artikel 24.2). Westrich & Dathe (1997) beziehen sich hierbei auf Kirby (1802: 271), der sich für den Namen bicornis entschied und "Apis rufa" als das Männchen derselben Art betrachtete.

Merkmale

Kopf: Weibchen an beiden Seiten des Kopfschilds mit je einem nach vorn gerichteten, spatelförmigen Hörnchen (Name: bicornis - zweihörnig), mit dem bei bestimmten Blüten Pollen geerntet wird.

Hinterleib: Wie bei allen Megachilinae besitzen die Weibchen bauchseitig eine Bürste zum Pollensammeln. Sie ist, so lange sie nicht mit Pollen gefüllt ist, orangerot gefärbt.

Verbreitung

Von Irland, Südschottland und Skandinavien (63°N in Schweden) bis Nordafrika, östlich bis Kirov (49°39'O) in Russland sowie Mittelasien (Scheuchl & Willner 2016).

Lebensweise

Die Hauptflugzeit in Sachsen erstreckt sich von Anfang April bis Anfang Mai. Für die Nachkommen sammeln die Bienen Pollen von Kräutern und Gehölzen aus zahlreichen Pflanzenfamilien (polylektisch).
Die Nester werden meist über der Erde (hypergäisch) in Hohlräumen von Holz (Insektenfraßgänge), Pflanzenstängeln, Lehmwänden oder Trockenmauern angelegt. Es werden auch Wildbienennisthilfen ("Bienenhotels") angenommen, wenn die dargebotenen Hohlräume geeignete Durchmesser von 5–7 mm aufweisen. Im Siedlungsraum werden zudem Mauerfugen sowie Bohrungen in Mauern und Holzteilen genutzt. 
Die Nistweise ist solitär, zuweilen auch kommunal. Je nach Situation werden die Zellen linear oder haufenförmig angeordnet. Linear werden bis zu 20 Zellen, die durch Zwischenwände getrennt sind angelegt, bei haufenförmiger Anordnung bis zu 30 Zellen, die auch Seitenwände enthalten. Als Baumaterial wird Lehm oder andere Erde mit Speichel vermischt (Scheuchl & Willner 2016). Nach Außen wird die zuletzt angelegte Brutzelle mit einer 3–12 mm dicken Wand verschlossen. Der Mörtel wird zuweilen auch genutzt, um zu große Hohlräume passend zu machen.
Im Laufe eines Jahres entwickelt sich eine Generation. Die Bienen schlüpfen noch im Spätsommer aus der Puppe, verharren aber über den gesamten Winter noch im Kokon.

Eine auf Osmia bicornis spezialisierte Kuckucksbiene scheint es nicht zu geben (Westrich 2018). Dennoch sind eine Reihe von Brutparasiten in der Literatur dokumentiert, darunter die Kuckucksbiene Stelis phaeoptera, die Goldwespe Chrysis ignita, die Mauerbienen-Taufliege Cacoxenus indagator, die Milbe Chaetodactylus osmiae und weitere (Scheuchl & Willner 2016).

Lebensräume

Offene Lebensräume mit Gehölzen, wie Waldränder, Hecken, Streuobstwiesen, Parks & Gärten. Auch im bebauten Bereich von Siedlungen (synanthrop). Vom Flachland bis ins Mittelgebirge auf 1000 m. Nist- und Nahrungsplätze sind in der Regel räumlich getrennt (Westrich 2018). 

Bestandssituation

Rote Liste Sachsen (Burger et al. 2005): ungefährdet.
Rote Liste Deutschland (Westrich et al. 2012): ungefährdet.
Schutzstatus: besonders geschützt.

Wirtschaftliche Bedeutung

Die Rostrote Mauerbiene wird kommerziell gezüchtet und in Obstplantagen zur effizienten Bestäubung der Obstblüten eingesetzt (Schindler & Peters 2011). Die Kokons können im Handel ab 0,65 € / Stück oder 0,70 €/Stück erworben werden (Stand: März 2019).

Literatur

  • Amiet, F., M. Herrmann, A. Müller & R. Neumeyer 2004: Apidae 4. Anthidium, Chelostoma, Coelioxys, Dioxys, Heriades, Lithurgus, Megachile, Osmia, Stelis. – Fauna Helvetica 9, 273 S.
  • Burger, F., unter Mitarbeit von S. Kaluza, G. Baldovski, R. Franke, D. Langner, W.-H. Liebig, T. Sammorey & A. Scholz 2005: Rote Liste Wildbienen. – Materialien zu Naturschutz und Landschaftspflege. – Hrsg. Sächsisches Landesamt für Umwelt und Geologie, Dresden. 37 S.
  • Conrad, T., R. J. Paxton, F. G. Barth, W. Francke & M. Ayasse 2010: Female choice in the red mason bee, Osmia rufa (L.) (Megachilidae). – Journal of Experimental Biology 213: 4065–4073.
  • International Commission on Zoological Nomenclature (ICZN) 1999, 2003, 2012: International Code of Zoological Nomenclature.
  • Kirby, W. 1802: Monographia apum Angliæ; or, An attempt to divide into their naturla genera and families, such species of the Linnean genus Apis as have been discovered in England; with descriptions and observations. To which are prefixed some introductory remarks upon the class Hymenoptera, and a synoptical table of the nomenclature of the external parts of these insects. Volume II. – J. Raw., Ipswich. 388 S.
  • Linnaeus, C. 1758: Systema naturae per regna tria naturae, secundum classes, ordines, genera, species, cum characteribus, differentiis, synonymis, locis. – Laurentii Salvii, Holmiae. 1–824.
  • Münze, R., D. Langner & M. Nuß 2006: Die Bienenfauna des Botanischen Gartens Dresden (Hymenoptera: Apidae). – Sächsische Entomologische Zeitschrift 1: 45–69.
  • Seidelmann, K. 1999: The race for females: The mating system of the Red Mason bee, Osmia rufa (L.) (Hymenoptera: Megachilidae). – Journal of Insect Behavior 12 (1): 13–25.
  • Seidelmann, K. 1999: The function of the vestibulum in nests of a solitary stem-nesting bee, Osmia rufa (L.). – Apidologie 30: 19–29. 
  • Seidelmann, K. 2006: Open-cell parasitism shapes maternal investment patterns in the Red Mason bee Osmia rufa. – Behavioral Ecology 17 (5): 839–848.
  • Seidelmann, K., K. Ulbrich & N. Mielenz 2010: Conditional sex allocation in the Red Mason bee, Osmia rufa. – Behavioral Ecology and Sociobiology 64 (3): 337–347.
  • Scheuchl, E. 2006. Illustrierte Bestimmungstabellen der Wildbienen Deutschlands und Österreichs. Band II: Megachilidae - Melittidae, Velden. 192 S.
  • Scheuchl, E. & W. Willner 2016: Taschenlexikon der Wildbienen Mitteleuropas. Alle Arten im Portrait. – Quelle & Meyer Wiebelsheim. 917 S.
  • Schindler, M. & B. Peters 2011: Eignen sich die Mauerbienen Osmia bicornis und Osmia cornuta als Bestäuber im Obstbau? – Erwerbs-Obstbau 52 (3-4): 111–116.
  • Strohm, E. , H. Daniels, C. Warmers & C. Stoll 2002: Nest provisioning and a possible cost of reproduction in the megachilid bee Osmia rufa studied by a new observation method. – Ethology Ecology & Evolution 14 (3): 255–268.
  • Ulbrich, K. 2005: Ökologische Modelle verstehen – Studien zu Osmia rufa. – Hercynia N.F. 38: 125–136.
  • Westrich, P. & H. H. Dathe 1997: Die Bienenarten Deutschlands (Hymenoptera, Apidae). Ein aktualisiertes Verzeichnis mit kritischen Anmerkungen. – Mitteilungen des Entomologischen Vereins Stuttgart 32: 3–34.
  • Westrich, P. 1989 (2. überarb. Aufl. 1990): Die Wildbienen Baden-Württembergs. 2 Bände, 972 S. – Eugen Ulmer, Stuttgart.
  • Westrich, P. 2018: Die Wildbienen Deutschlands. – Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart.824 S.
  • Westrich, P., U. Frommer, K. Manderey, H. Riemann, H. Ruhnke, C. Saure & J. Voith 2012 ("2011"): Rote Liste und Gesamtartenliste der Bienen (Hymenoptera, Apidae) Deutschlands. S. 373–416. – In: M. Binot-Hafke, S. Balzer, N. Becker, H. Gruttke, H. Haupt, N. Hofbauer, G. Ludwig, G. Matzke-Hajek & M. Strauch, Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands. Band 3: Wirbellose Tiere (Teil 1). – Naturschutz und Biologische Vielfalt 70 (3), herausgegeben vom Bundesamt für Naturschutz, Bonn - Bad Godesberg. 
  • Wiesbauer, H. & F. Gusenleitner 2019: Die Rote Mauerbiene Osmia bicornis (Linnaeus, 1758) – Insekt des Jahres 2019. – Entomologica Austriaca 26: 143–152.

Links

Autor(-en): Matthias Nuß, Mandy Fritzsche. Letzte Änderung am 11.03.2019

Osmia bicornis, Weibchen, Radebeul, April 2016
(© Michael & Mandy Fritzsche )


Osmia bicornis, Weibchen, Radebeul, April 2016
(© Michael & Mandy Fritzsche)


Osmia bicornis, Männchen, Radebeul, April 2017
(© Michael & Mandy Fritzsche)


Osmia bicornis, Männchen, Radebeul, April 2017

(© Michael & Mandy Fritzsche)


Rote Mauerbienen am 06.05.2013 in Glashütte beim Verschließen ihrer Nester
(© Stefan Höhnel)


Osmia rufa, Männchen
(© Wolf-Harald Liebig)


Rostrote Mauerbiene (Osmia bicornis (Linnaeus, 1758)) - Leipzig, April 2019, Paarung
(© Stefanie Radtke)
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