'Bericht zur Lage der Natur 2020' in Deutschland und Europäische Kommission bringt 'Biodiversitäts'- und 'Vom Hof auf den Tisch'-Strategien auf den Weg

22.05.2020

Am 19. Mai 2020 präsentierten Bundesumweltministerin Svenja Schulze und Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz, Prof. Dr. Beate Jessel den Bericht zur Lage der Natur 2020.

Alle sechs Jahre nehmen Bund und Länder eine Bewertung des Zustands der Natur in Deutschland vor. Dazu werden umfassende Berichte erstellt, die durch die Bundesregierung an die EU-Kommission zur Erfüllung der europäischen Fauna-Flora-Habitat (FFH)-Richtlinie und der EU-Vogelschutz-Richtlinie übermittelt werden. Grundlage für die Analyse ist ein Datenschatz, den ehrenamtliche Naturschützerinnen und Naturschützer und Behörden bundesweit zusammentragen: In rund 14.000 Stichproben haben sie im Zeitraum von 2013 bis 2018 den Zustand von Tieren, Pflanzen und Lebensräumen erfasst, die über die europäischen FFH- und Vogelschutzrichtlinien geschützt sind. Für den Vogelschutzbericht liefern die Programme des bundesweiten Vogelmonitorings eine weitere wichtige Datenbasis. Aus den Daten lassen sich auch Rückschlüsse auf die Lage der Natur in Deutschland insgesamt ziehen.

Svenja Schulze: "Die Generalinventur unserer biologischen Vielfalt in Deutschland zeigt ein sehr gemischtes Bild. In manchen Teilen des Landes erholt sich die Natur: Vielen Buchenwäldern geht es gut, in den Wäldern und Siedlungen gibt es wieder mehr Vögel. Auch die Renaturierung von Flüssen und Auen trägt zur Erholung der Natur bei. Vor allem in der Agrarlandschaft geht es der Natur dagegen besorgniserregend schlecht. Das gilt besonders für Schmetterlinge und andere Insektenarten, die auf blütenreiche Wiesen und Weiden angewiesen sind. Denn diese wichtigen Ökosysteme gibt es in der intensiven Landwirtschaft immer seltener. Starke Verluste sehen wir auch bei vielen Vogelarten der Agrarlandschaft wie Kiebitz und Rebhuhn."

Beate Jessel: „Artenreiche Wiesen und Weiden verzeichnen sowohl in der Fläche als auch in ihrer Artenvielfalt starke Rückgänge. Dieser Trend setzt sich seit dem ersten nationalen FFH-Bericht im Jahr 2001 ungebrochen fort. Mehr als die Hälfte aller FFH-Grünland-Lebensraumtypen befindet sich in Deutschland in einem ungünstig-schlechten Erhaltungszustand. Der Schutz des Grünlands muss deshalb nicht nur auf europäischer, sondern auch auf nationaler Ebene verbessert werden. Wenn wir Arten und Lebensräume erfolgreich schützen und erhalten, kann die Natur ein Teil von Lösungen sein. Auch das verdeutlicht unser Bericht: Renaturierte Feuchtgebiete, intakte Moore und nachhaltig genutzte Wälder können entscheidend zu Klimaschutz und Klimaanpassung beitragen."
Im Einzelnen sind 25 Prozent der untersuchten Arten in einem günstigen Erhaltungszustand, darunter der Seehund und die Kegelrobbe in der Nordsee oder der Steinbock in den Alpen. 30 Prozent sind in einem unzureichenden Zustand. 33 Prozent sind in einem schlechten Zustand, das betrifft vor allem Schmetterlinge, Käfer und Libellen. Bei den Lebensräumen sieht es ähnlich aus. Hier sind 30 Prozent in einem günstigen Zustand, zum Beispiel verschiedene Wald-Lebensräume, alpine Heiden und Gebüsche sowie Fels-Lebensräume. 32 Prozent weisen einen unzureichenden Zustand auf, während sich 37 Prozent der untersuchten Lebensräume in einem schlechten Zustand befinden, vor allem die landwirtschaftlich genutzten Grünland-Flächen, aber auch Seen und Moore.

In Brüssel geht es in Sachen Umwelt zügig voran. Erst im Dezember 2019 wurde der europäische Green Deal vorgestellt. Dieser umfasst ein Bündel von Maßnahmen und sieht vor, dass bis 2050 keine Netto-Treibhausgasemissionen mehr freigesetzt werden, das Wirtschaftswachstum von der Ressourcennutzung abgekoppelt wird und niemand, weder Mensch noch Region, im Stich gelassen wird. Am 20. Mai 2020 hat die Europäische Kommission nun ihre „Biodiversitäts Strategie für 2030“ sowie die „Vom Hof auf den Tisch“-Strategie (Farm-to-Fork – F2F) vorgelegt. Beide Strategien sind Teil des New Green Deal der Europäischen Kommission.

 

EU Biodiversitäts Strategie für 2030

Die EU ist bereit Ehrgeiz zu zeigen, den Verlust der biologischen Vielfalt umzukehren, der Welt mit gutem Beispiel und Maßnahmen voranzugehen und auf der 15. Konferenz der Vertragsparteien des Übereinkommens über die biologische Vielfalt nach 2020 einen transformativen globalen Rahmen zu vereinbaren und zu verabschieden. Dies sollte auf dem Hauptziel aufbauen, sicherzustellen, dass bis 2050 alle Ökosysteme der Welt wiederhergestellt, belastbar und angemessen geschützt sind. Die Welt sollte sich dem Nettogewinnprinzip verpflichten, der Natur mehr zurückzugeben, als sie braucht. Als Teil davon sollte sich die Welt zu keinem vom Menschen verursachten Aussterben von Arten verpflichten, zumindest wenn dies vermeidbar ist.

Als Meilenstein soll sichergestellt werden, dass die biologische Vielfalt Europas bis 2030 auf dem Weg der Erholung sein wird.

Die neue EU-Biodiversitätsstrategie sieht vor, mindestens 30% der Landfläche der EU und 30% der Seefläche derEU sowie 10% der marinen und terrestrischen Ökosysteme streng zu schützen, inklusive primärer und alter Wälder.

Um ein wirklich kohärentes und widerstandsfähiges transeuropäisches Naturnetzwerk zu haben, ist es außerdem wichtig, ökologische Korridore einzurichten, um die genetische Isolierung zu verhindern, die Migration von Arten zu ermöglichen und gesunde Ökosysteme zu erhalten und zu verbessern. In diesem Zusammenhang sollten Investitionen in grüne und blaue Infrastruktur und grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten gefördert und unterstützt werden, auch durch die Europäische Territoriale Zusammenarbeit.

Teil der Biodiversitätstrategie ist der EU-Natur-Wiederherstellungs-Plan. Schlüsselverpflichtungen bis 2030 sind:
1.   Rechtsverbindliche EU-Ziele für die Wiederherstellung der Natur, die 2021 vorgeschlagen werden
      sollen, vorbehaltlich einer Folgenabschätzung. Bis 2030 werden bedeutende Gebiete degradierter
      und kohlenstoffreicher Ökosysteme wiederhergestellt. Lebensräume und Arten zeigen keine
      Verschlechterung der Erhaltungstrends und des Erhaltungszustands; und mindestens 30%
      erreichen einen günstigen Erhaltungszustand oder zeigen zumindest einen positiven Trend.
2.   Der Rückgang der Bestäuber ist umgekehrt.
3.   Das Risiko und der Einsatz chemischer Pestizide werden um 50% und der Einsatz gefährlicherer
      Pestizide um 50% reduziert.
4.   Mindestens 10% der landwirtschaftlichen Fläche befinden sich in Landschaftsmerkmalen mit
      großer Vielfalt.
5.   Mindestens 25% der landwirtschaftlichen Flächen werden ökologisch bewirtschaftet, und die Akzeptanz
      agroökologischer Praktiken wird erheblich gesteigert.
6.   In der EU werden unter Einhaltung der ökologischen Grundsätze drei Milliarden neue Bäume gepflanzt.
7.   Bei der Sanierung kontaminierter Bodenstandorte wurden erhebliche Fortschritte erzielt.
8.   Mindestens 25.000 km frei fließende Flüsse werden wiederhergestellt.
9.   Die Anzahl der Arten der Roten Liste, die von invasiven gebietsfremden Arten bedroht sind, verringert
      sich um 50%.
10. Die Nährstoffverluste aus Düngemitteln werden um 50% reduziert, was zu einer Reduzierung des
      Düngemittelverbrauchs um mindestens 20% führt.
11. Städte mit mindestens 20.000 Einwohnern haben einen ehrgeizigen Plan zur Begrünung der Städte.
12. In sensiblen Gebieten wie den städtischen Grünflächen der EU werden keine chemischen Pestizide
      eingesetzt.
13. Die negativen Auswirkungen auf empfindliche Arten und Lebensräume, einschließlich des
      Meeresbodens durch Fischerei und Abbauaktivitäten, werden erheblich verringert, um einen
      guten Umweltzustand zu erreichen.
14. Der Beifang von Arten wird beseitigt oder auf ein Niveau reduziert, das den Arten Erholung und
      Schutz Arten ermöglicht.

Vom Hof auf den Tisch (Farm to Fork - f2f) – Strategie der Europäischen Kommission

Die Farm-to-Fork-Strategie befasst sich umfassend mit den Herausforderungen nachhaltiger Lebensmittelsysteme und erkennt die untrennbaren Verbindungen zwischen gesunden Menschen, gesunden Gesellschaften und einem gesunden Planeten an. Die COVID-19-Pandemie hat die Bedeutung eines robusten und widerstandsfähigen Lebensmittelsystems unterstrichen, das unter allen Umständen funktioniert und den Bürgern den Zugang zu einer ausreichenden Versorgung mit erschwinglichen Lebensmitteln gewährleisten kann. Es ist dringend erforderlich, die Abhängigkeit von Pestiziden und antimikrobiellen Mitteln zu verringern, die Überdüngung zu verringern, den ökologischen Landbau zu steigern, den Tierschutz zu verbessern und den Verlust der biologischen Vielfalt umzukehren.

Die Kommission wird zusätzliche Maßnahmen ergreifen, um den Gesamtverbrauch und das Risiko chemischer Pestizide bis 2030 um 50% und den Einsatz gefährlicherer Pestizide um 50% zu verringern.

Der Überschuss an Nährstoffen (insbesondere Stickstoff und Phosphor) in der Umwelt, der sich aus dem übermäßigen Verbrauch und der Tatsache ergibt, dass nicht alle in der Landwirtschaft verwendeten Nährstoffe effektiv von Pflanzen aufgenommen werden, ist eine weitere Hauptquelle für Luft-, Boden- und Wasserverschmutzung sowie Klimaauswirkungen. Es hat die Artenvielfalt in Flüssen, Seen, Feuchtgebieten und Meeren verringert. Die Kommission wird Maßnahmen ergreifen, um die Nährstoffverluste um mindestens 50% zu verringern und gleichzeitig sicherzustellen, dass sich die Bodenfruchtbarkeit nicht verschlechtert. Dadurch wird der Einsatz von Düngemitteln bis 2030 um mindestens 20% reduziert.

Antimikrobielle Resistenz (AMR) im Zusammenhang mit dem übermäßigen und unangemessenen Einsatz antimikrobieller Mittel im Gesundheitswesen von Tieren und Menschen führt in der EU / im EWR zu geschätzten 33.000 Todesfällen pro Jahr und zu erheblichen Gesundheitskosten. Die Kommission wird daher Maßnahmen ergreifen, um den EU-Gesamtabsatz an antimikrobiellen Mitteln für Nutztiere und in der Aquakultur bis 2030 um 50% zu senken.

Bis 2030 sollen mindestens 25% der landwirtschaftlichen Nutzfläche der EU im Rahmen des ökologischen Landbaus bewirtschaftet und die ökologische Aquakultur erheblich gesteigert werden.

Es ist klar, dass der Übergang von einer Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) unterstützt werden muss, die sich auf den Green Deal konzentriert. Die neue GAP, die die Kommission im Juni 2018 vorgeschlagen hat, soll den Landwirten helfen, ihre Umwelt- und Klimaleistung durch ein ergebnisorientierteres Modell, eine bessere Nutzung von Daten und Analysen, verbesserte verbindliche Umweltstandards, neue freiwillige Maßnahmen und eine stärkere Ausrichtung auf Investitionen in grüne und digitale Technologien und Praktiken zu verbessern. Ziel ist es auch, ein angemessenes Einkommen zu gewährleisten, das es ihnen ermöglicht, für ihre Familien zu sorgen und Krisen aller Art standzuhalten. Das Erfordernis, die Effizienz und Effektivität von Direktzahlungen zu verbessern, indem die Einkommensunterstützung auf Landwirte begrenzt und gezielter ausgerichtet wird, die diese benötigen und die grünen Ambitionen erfüllen, und nicht auf Unternehmen, die lediglich Ackerland besitzen, bleibt ein wesentliches Element der Zukunft GAP.

Die neuen „Eco-Schemes“ bieten einen großen Finanzierungsstrom zur Förderung nachhaltiger Praktiken wie Präzisionslandwirtschaft, Agrarökologie (einschließlich ökologischer Landbau), Kohlenstoffzucht und Agrarforstwirtschaft. Die Mitgliedstaaten und die Kommission müssen sicherstellen, dass sie über angemessene Mittel verfügen und in die Strategiepläne aufgenommen werden. Die Kommission wird die Einführung eines Mindestbudgets für Umweltschutzmaßnahmen unterstützen. Die Kommission wird jedem Mitgliedstaat auch Empfehlungen zu den neun spezifischen Zielen der GAP vorlegen, bevor sie den Entwurf der Strategiepläne formell vorlegt. Die Kommission wird der Erreichung der Green-Deal-Ziele sowie der aus dieser Strategie und der Biodiversitätsstrategie für 2030 resultierenden Ziele besondere Aufmerksamkeit widmen. Sie wird die Mitgliedstaaten auffordern, unter Berücksichtigung ihrer spezifischen Situation und der oben genannten Ziele explizite nationale Werte für diese Ziele festzulegen. Auf der Grundlage dieser Werte werden die Mitgliedstaaten die erforderlichen Maßnahmen in ihren Strategieplänen festlegen.

 

Pressestimmen

Bioland Präsident Jan Plagge zur f2f-Strategie: „Das ist heute ein sehr ermutigendes Signal aus Brüssel – Europas Land- und Lebensmittelwirtschaft soll bis 2030 deutlich ökologischer werden. Die Zielmarke von 25 Prozent Ökolandbau bis 2030 ist ein wichtiger Wegweiser in Richtung Landwirtschaft der Zukunft. Wenn wir die Klimakrise und die immensen Herausforderungen im Bereich der Biodiversität angehen und unsere landwirtschaftlichen Systeme widerstandsfähiger machen wollen ist das genau der richtige Weg… Mit der Farm-to-Fork-Strategie als Grundlage kann die GAP in Richtung einer nachhaltigen Ernährung gelingen.“

Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes und Präsident der COPA-COGECA, dem Zusammenschluss der europäischen Bauernverbände hingegen sieht die Farm to Fork-Strategie als einen „Generalangriff auf die europäische Landwirtschaft.“
 
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