Großes Ochsenauge (Maniola jurtina (Linnaeus, 1758))

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Diagnose

Vorderflügellänge 24–26 mm.

Flügeloberseiten des Männchens dunkelbraun, Vorderflügel mit einem Augenfleck vor der Flügelspitze sowie einem breiten schwarzen Duftschuppenfleck, der nahe der Flügelbasis vom Hinterrand in Richtung Augenfleck verläuft; Weibchen hellbraun, Vorderflügel mit ein oder zwei miteinander verbundenen Augenflecken, ausgedehnten orangen Flecken, die deutlich durch die braunen Flügeladern unterbrochen sind, zur Flügelmitte schwächer werden und an der Basis fehlen.

Flügelunterseiten: Vorderflügel orange mit hellbraunen Rändern und ein oder zwei miteinander verbundenen Augenflecken; Hinterflügel variabel, hellbraun, mit einer helleren Binde und darin bis zu drei kleine schwarze Punkte, die aber auch fehlen können.

Ähnliche Arten: Vorderflügel des Kleinen Ochsenauges (Hyponephele lycaon) beim Männchen oberseits mit einem grau glänzenden bindenförmigen Duftschuppenfleck, beim Weibchen oberseits die orange Färbung nicht durch die Flügeladern unterbrochen sowie ober- und unterseits zwei entfernt voneinander stehende Augenflecke.
Das Rotbraune Ochsenauge (Pyronia tithonus) im Vorderflügel ober- und unterseits mit einem doppelt gekernten Augenfleck.

Gesetzlicher Schutz und Rote Liste

Gesetzlicher Schutz (BArtSchV, BNatSchG): Nicht besonders geschützt
Rote Liste Sachsen: ungefährdet
Rote Liste Deutschland: ungefährdet

Merkmale

Die Unterseite der Vorderflügel zeigt bei dem Großen Ochsenauge eine rotbraune bis orange Färbung mit dem Augenfleck der Oberseite und einem dunkelbraunen Rand. Auf der graubraunen Hinterflügelunterseite setzt sich die dunkler gefärbte Basis deutlich von dem äußeren Flügelbereich ab.
Zwischen den Geschlechtern lassen sich einige Unterschiede im äußeren Erscheinungsbild erkennen (Sexualdimorphismus). Auf der dunkelbraunen Vorderflügeloberseite befindet sich bei den Weibchen eine breite rotbraune Submarginalbinde, die den Männchen fehlt. Außerdem fällt der Augenfleck bei den Weibchen auf der Vorderflügeloberseite größer aus. Dagegen zeigen die Männchen auf der Vorderflügeloberseite einen breiten schwarzen Duftschuppenstreifen.
Nicht selten können insbesondere bei den Weibchen des Großen Ochsenauges albinotische (weißliche) Tiere auftreten (Reinhardt et al. 2007; Settele et al. 2009).
Die Puppe des Großen Ochsenauges ist grün oder weißlich-grau und besitzt auf jeder Vorderflügelscheide drei streifenartige dunkle Zeichnungselemente. Sie ist von der ähnlichen Puppe des Kleinen Wiesenvögelchens (Coenonympha pamphilus) anhand der spitzen Fortsätze über den Augen zu unterscheiden, die bei letzterer Art fehlen.

Verbreitung

Europa südlich des 63. Breitengrades bis zu den Mittelmeerinseln und den Kanaren sowie Nordafrika, östlich bis nach Westsibirien und Nordwestkasachstan (Tolman & Lewington 1998).
In Europa kommen zwei genetisch verschiedene Linien vor, welche wahrscheinlich in zwei voneinander getrennten Eiszeitrefugien im westlichen und östlichen Mittelmeerraum entstanden und sich nach der Eiszeit über West- bzw. Osteuropa bis nach Mitteleuropa ausbreiteten. Im westlichen Mitteleuropa gibt es eine Hybridzone beider Linien. In Ostdeutschland kommt die östliche Linie vor (Schmitt et al. 2005). 

Lebensweise

Das Große Ochsenauge besitzt trotz nur einer Generation eine ausgedehnte Flugzeit von Anfang Juni bis Anfang September, wobei die Falter am häufigsten in den Sommermonaten Juli und August auftreten (Ebert & Rennwald 1993; Settele et al. 2009; Weidemann 1988). Bisher existieren unterschiedliche Hypothesen aber keine eindeutig festgestellten Ursachen für diesen langen Flugzeitraum (Ebert & Rennwald 1993). Als mögliche Faktoren gelten die Langlebigkeit der Weibchen mit einer Lebenserwartung von bis zu 40 Tagen (Weidemann 1988), das gelegentliche Auftreten einer partiellen zweiten Generation, eine bei den Weibchen beobachtete Sommerdiapause (Ebert & Rennwald 1993) oder unterschiedliche Entwicklungszeiten der Larven (Fartmann 2004).
Als Nektarquellen nutzten die Falter des Großen Ochsenauges zahlreiche Pflanzen, unter anderem Kratzdistel-Arten (Cirsium), Witwenblume (Knautia), Brombeere (Rubus fruticosus agg.), Flockenblume (Centaurea), Rotklee (Trifolium pratense), Luzerne (Medicago sativa), Thymian (Thymus), Schafgarbe (Achillea), Glockenheide (Erica tetralix), Rainfarn (Tanacetum vulgare), Gewöhnlicher Teufelsabbiss (Succisa pratensis), Kreuzkraut (Senecio) und Baldrian (Valeriana), wobei eine deutliche Präferenz für violette Blüten besteht (Ebert & Rennwald 1993; Schmitt 1998; Settele et al. 2009).
Zur Partnerfindung führen die Männchen langsame, fast ununterbrochene Patrouillenflüge in den Lebensräumen der Larven durch, bei denen sie auf der Suche nach Weibchen immer wieder zwischen die Grashorste abtauchen (Ebert & Rennwald 1993).
Die Eier werden weit voneinander entfernt, entweder knapp über dem Boden an trockene Grashalme abgelegt, oder in seltenen Fällen nur auf die Bodenoberfläche fallen gelassen (Settele et al. 2009; Weidemann 1988). Zur Eiablage bevorzugen die Weibchen Wiesen, deren Mahd noch nicht lange zurückliegt (Ebert & Rennwald 1993; Reinhardt et al. 2007; Settele et al. 2009). Alternativ findet die Eiablage in sehr lückigen nicht gemähten Wiesenbereichen statt, in denen das Weibchen einen bodennahen Eiablageplatz findet (Ebert & Rennwald 1993).
Als Wirtspflanze der nachtaktiven Larven kommen verschiedene Grasarten (Poaceae) in Frage (Settele et al. 2009), wobei Weidemann (1988) besonders auf Larvenfunde an hochproduktiven Gräsern wie Wiesenlieschgras (Phleum pratense), Knaulgras (Dactylis glomerata) und Wiesen-Rispengras (Poa pratensis) verweist. Dennoch darf das eventuell durch Düngung stimulierte Wachstum der Gräser nicht zu stark ausfallen (Weidemann 1988). Die Larve überwintert; die erwachsene Larve besitzt eine hellgrüne Färbung mit einer feinen Behaarung (Weidemann 1988; Settele et al. 2009).
Die Larve des Großen Ochsenauges bildet eine Stürzpuppe aus, die sich in der Regel kurz über der Bodenoberfläche befindet (Ebert & Rennwald 1993; Settele et al. 2009).  

Lebensräume

Hinsichtlich seiner Lebensraumansprüche zeigt sich das Große Ochsenauge sehr variabel, sodass das gesamte Spektrum des Offenlandes bis hin zum Wald besiedelt wird. Ausnahmen stellen geschlossene Wälder, Hochmoorkerne und trockene Borstgrasrasen dar. In der Kulturlandschaft fehlt die Art in Bereichen mit einer intensiven Landwirtschaft und den dazugehörigen hochgedüngten Wiesen und Maisäckern, wo Ausgleichsflächen in Form von Wiesenböschungen und unbehandeltem Grünstreifen an Äckern oder Wegen fehlen. Im stark gedüngten Vielschnittgrünland vermag die Art sich jedoch nicht fortzupflanzen. Feucht- und Trockenstandorte werden gleichermaßen genutzt. Besonders häufig fliegen die Falter in blütenreichen Wiesen und Säumen. In Siedlungs- und Gartenbereichen kommt das Große Ochsenauge eher selten vor (Ebert & Rennwald 1993; Bräu et al. 2013).
Kulfan et al. (2012) untersuchten die Vorkommen von Faltern und Larven des Großen Ochsenauges in vier Habitattypen, welche zur Pflanzengesellschaft der Glatthaferwiese (Arrhenatherion elatioris) gehört: (1) einschürige extensive Wiesen, (2) zweischürige extensive Wiesen, (3) aufgegebene Wiesen und (4) Übergangsbereiche zwischen einschürigen Wiesen und Laubwäldern. Die größten Abundanzen von Faltern und Larven fanden sie in den einschürigen, extensiven Wiesen, die niedrigsten in den aufgegebenen Wiesen, in denen die Abundanzen um die Faktoren 2 bis 5 (Falter) bzw. 5 bis 25 (Larven) niedriger waren.

Bestandssituation und Schutzstatus

Für das Große Ochsenauge besteht in Deutschland und Sachsen keine Gefährdung (Reinhardt et al. 2007; Settele et al. 2009). Eine traditionelle Heuwiesennutzung erweist sich für die Art als günstig, während sie bei zu intensiver Düngung und mehr als dreimaliger Mahd verschwindet (Settele et al. 2009).

Literatur

  • Bräu, M., R. Bolz, H. Kolbeck, A. Nunner, J. Voith & W. Wolf 2013: Tagfalter in Bayern. – Eugen Ulmer, Stuttgart. 781 S.
  • Delattre, T., F. Burel, A. Humeau, V. M. Stevens, P. Vernon & M. Baguette 2010: Dispersal mood revealed by shifts from routine to direct flights in the meadow brown butterfly Maniola jurtina. – Oikos, 119: 1900–1908.
  • Dennis, R. L. H. 2004: Butterfly habitats, broad-scale biotope affiliations, and structural exploitation of vegetation at finer scales: the matrix revisited. – Ecological Entomology 29: 744–752.
  • Ebert, G. & E. Rennwald 1993: Die Schmetterlinge Baden-Württembergs. Band 2: Tagfalter II. – Eugen Ulmer, Stuttgart. 535 S.
  • Eckstein, K. 1913: Die Schmetterlinge Deutschlands mit besonderer Berücksichtigung der Biologie. 1. Band. – Schriften des Deutschen Lehrerveins für Naturkunde 26: 120 S., 16 Taf.
  • Fartmann, T. 2004: Die Schmetterlingsgemeinschaften der Halbtrockenrasen-Komplexe des Diemeltals. Biozönologie von Tagfaltern und Widderchen in einer alten Hudelandschaft. – Abhandlungen aus dem Westfälischen Museum für Naturkunde 66 (1): 1–256.
  • Grill, A., De Vos, R. & Van Arkel, J. 2004: The shape of endemics: Notes on male and female genitalia in the genus Maniola (Schrank, 1801), (Lepidoptera, Nymphalidae, Satyrinae). – Contributions to Zoology 73: 293–303.
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  • Möbius, E. T. A. 1905: Die Grossschmetterlings-Fauna des Königreiches Sachsen. – Deutsche entomologische Zeitschrift Iris, Dresden 18 (1): i–xxi, [i]–[xi], 1–235, Taf. 1–2.
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  • Ochsenheimer, F. 1805: Die Schmetterlinge Sachsens mit Rücksichten auf alle bekannten europäischen Arten. 1. Theil: Falter oder Tagschmetterlinge. – Dresden und Leipzig.
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  • Reinhardt, R. & R. Bolz, unter Mitarbeit von S. Caspari, J. Gelbrecht, S. Hafner, J. Händel, A. Haslberger, G. Hermann, A. Hofmann, K.-H. Jelinek, D. Kolligs, A. C. Lange, J.-U. Meineke, A. Nunner, A. Schmidt, R. Thust, R. Ulrich, V. Wachlin und weiteren Spezialisten 2012 ("2011"): Rote Liste und Gesamtartenliste der Tagfalter (Rhopalocera) (Lepidoptera: Papilionoidea et Hesperioidea) Deutschlands. S. 165–194. – In: M. Binot-Hafke, S. Balzer, N. Becker, H. Gruttke, H. Haupt, N. Hofbauer, G. Ludwig, G. Matzke-Hajek & M. Strauch, Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands. Band 3: Wirbellose Tiere (Teil 1). – Naturschutz und Biologische Vielfalt 70 (3), herausgegeben vom Bundesamt für Naturschutz, Bonn - Bad Godesberg. 
  • Reinhardt, R., Sbieschne, H., Settele, J., Fischer, U. & G. Fiedler 2007: Tagfalter von Sachsen. In: Klausnitzer, B. & R. Reinhardt (Hrsg.): Beiträge zur Insektenfauna Sachsens. – Entomologische Nachrichten und Berichte, Beiheft 11, Dresden. 695 S.
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  • Settele, J., R. Feldmann & R. Reinhardt 1999: Die Tagfalter Deutschlands. – Eugen Ulmer, Stuttgart. 452 S.
  • Settele, J., Steiner, R., Reinhardt, R., Feldmann, R. & G. Hermann 2009 (2. Aufl.): Schmetterlinge. Die Tagfalter Deutschlands. – Ulmer, Stuttgart. 256 S.
  • Thomson, G. 1976: Le genre Maniola Schrank (Lepidoptera, Satyridae): notes sur les génitalia mâles et femelles. – Linneana Belgica 4: 126–141.
  • Tolman, T. & R. Lewington 1998: Die Tagfalter Europas und Nordwestafrikas. – Franckh-Kosmos, Stuttgart. 319 S., 104 Tafeln. (Übersetzung und fachliche Bearbeitung der 1. Aufl. von M. Nuss; 2. Aufl. 2012 von Heidrun Melzer).
  • Tudor, O., R. L. H. Dennis, J. N. Greatorex-Davies & T. H. Sparks 2004: Flower preferences of woodland butterflies in the UK: nectaring specialists are species of conservation concern. – Biological Conservation 119: 397–403.
  • Weidemann, H.-J. 1988: Tagfalter. Band 2 Biologie - Ökologie - Biotopschutz. – Neumann-Neudamm, Melsungen. 372 S.
  • Wood, B. C. & A. S. Pullin 2002: Persistence of species in a fragmented urban landscape: the importance of dispersal ability and habitat availability for grassland butterflies. – Biodiversity and Conservation 11: 1451.

Links

Großes Ochsenauge im Lepiforum
Großes Ochsenauge
in Wikipedia

Autor(-en): Susanne Kurze, Matthias Nuß, Franziska Bauer. Letzte Änderung am 23.10.2016

Männchen des Großen Ochsenauges im Juli 2014 bei Arnsdorf
(© Peter Diehl)


Weibchen des Großen Ochsenauges am 21.07.2012 in Euldorf bei Herrnhut
(© Eva-Maria Bäßler)


Großes Ochsenauge am 2.7.2012 im Spitzgrund Coswig, Nähe Forsthaus Kreyern
(© Eva-Maria Bäßler)


Großes Ochsenauge im Juli 2014, Arnsdorf
(© Tilmann Adler)


Großes Ochsenauge am 19.07.2011 auf einer Blüte der Perücken-Flockenblume in Glashütte
(© Stefan Höhnel)


Maniola jurtina im Juni 2014 auf Distel im Niederforst bei Leppersdorf
(© André Seifert)


Großes Ochsenauge im Juli 2014 am Sandteich bei Wachau
(© Tilmann Adler)


Eier des Großen Ochsenauges, 28.08.2010
(© Bernd-Jürgen & Susanne Kurze)


Larve des Großen Ochsenauges im April 2015 bei Radeberg
(© Tilmann Adler)
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