Schwarzkolbiger Braundickkopf (Thymelicus lineola (Ochsenheimer, 1808))

DE Deutschland , DE-SN Sachsen Druckansicht

Diagnose

Vorderflügellänge 13–15 mm.

Kopf: Fühlerspitzen von vorn und von unten betrachtet schwarz oder dunkel rotbraun.

Flügeloberseiten orange, mit schwarzem Rand und weißen Fransen. Männchen in der Vorderflügelmitte mit feiner, kurzer, gerader schwarzer Linie, die manchmal sehr undeutlich ist.

Flügelunterseiten blaß orange, die hintere Vorderflügelbasis schwärzlich.

Ähnliche Art: Beim Braunkolbigen Braundickkopf (Thymelicus sylvestris) ist die schwarze Linie in der Vorderflügelmitte des Männchens dicker und leicht gekrümmt und die Fühlerspitzen sind unten gelbbraun. Beachte, dass von oben betrachtet die Fühlerspitzen beider Arten verdunkelt sind!

Gesetzlicher Schutz und Rote Liste

Gesetzlicher Schutz (BArtSchV, BNatSchG): Nicht besonders geschützt
Rote Liste Sachsen: ungefährdet
Rote Liste Deutschland: ungefährdet

Nomenklatur

Synonyme: virgula Hübner, 1813
                 ludoviciae Mabille, 1883
                 Thymelicus pallida Tutt, 1896

Unterarten: T. l. semicolon Staudinger, 1892, aus Algerien
                  = T. l. ifranensis Picard, 1950, aus Marokko 
                 T. l. kushana Wyatt, 1961, aus Afghanistan

Merkmale

Auf dem Vorderflügel des Männchens ist die schwarze Linie meist etwas dünner als bei Thymelicus sylvestris.
Im männlichen Genital sind die Valven dorso-posterior eingekerbt und die nach dorsal gerichteten Dornen sitzen etwa auf der Hälfte der Valvenhöhe.
Das 8. Segment im weiblichen Genital ist unbeborstet und das Ostium bursae rund, bei Thymelicus sylvestris und Thymelicus acteon ist das Segment deutlich beborstet.

Die hellgrünen Larven haben einen dunkelgrünen Rückenstreifen, die beiden zu jeder Seite angrenzenden, breiten und helleren Längslinien setzen sich auf dem Kopf fort und sind dort zur Mitte und zu den Seiten bräunlich begrenzt. An den Körperseiten undeutliche helle Längslinien.

Verbreitung

Thymelicus lineola wurde wissenschaftlich erstmals von Ferdinand Ochsenheimer (1808: 230–231) beschrieben, der die Art aus "mehreren Gegenden Deutschlands" kannte. Das natürliche Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Europa und Nordafrika über Mittelasien bis zum Amurgebiet. In Nordamerika wurde die Art vom Menschen eingeführt (Tolman & Lewington 1998; Hall et al. 2014).

Lebensweise

Die Falter fliegen von Juni bis August.
Bei quantitativen Untersuchungen im Hunsrück in Südwestdeutschland wurde festgestellt, dass die Falter ein großes Spektrum von Blütenpflanzen zur Nektaraufnahme nutzen. Violette und violett-rötliche Blüten werden bevorzugt (43%), gefolgt von gelben (37%) aber auch weißen Blüten. Die am häufigsten genutzten Blütenpflanzen waren Lotus pedunculatus, Cirsium palustre, Knautia arvensis, Rubus fruticosus agg., Lotus sp., Betonica officinalis, Senecio jacobaea, Lythrum salicaria, Lotus corniculatus und Succisa pratensis. Außerdem nehmen die Falter an heißen Sommertagen Wasser an feuchten Bodenstellen auf (Schmitt 1998).
Die Eiablage ist aus Sachsen an den Süßgräsern (Poaceae) Gemeine Quecke (Elymus repens), Gemeines Knaulgras (Dactylis glomerata) und Wolliges Honiggras (Holcus lanatus) belegt (Reinhardt et al. 2007). Da aus anderen Bundesländern auch weitere Gräser als Larvennahrungspflanzen benannt werden (Ebert & Rennwald 1993; Bräu et al. 2013), werden vermutlich auch in Sachsen weitere Grasarten von den Larven genutzt.
Die Eier werden am Grund zwischen Halm und Blattspreiten oder auf liegendem Material abgelegt. Das Ei überwintert. Im Frühjahr leben die jungen Larven in einer Blattröhre, später mehr oder weniger frei, an mit wenigen Gespinstfäden überzogenen Blättern. Die Larven verpuppen sich an Grashalmen.

Lebensräume

Brachen, extensiv bewirtschaftete Grasländer, Weg- und Grabenränder, Waldsäume, Halb- und Trockenrasen mit hohen Grasbeständen. Die Entwicklungshabitate der Larven sind meist recht blütenarm. Die Falter fliegen zum Nektarsaugen an Disteln und anderen Blütenpflanzen auf benachbarte Standorte, insbesondere feuchte Magerwiesen. Auf den Standorten mit feuchter Ausprägung kommt die Art oft gemeinsam mit Thymelicus sylvestris vor (Weidemann 1995; Schmitt 1998; Reinhardt et al. 2007; Bräu et al. 2013).

Bestandssituation

Thymelicus lineola wurde Ende des 19. Jahrhunderts in der Chemnitzer Region als "Kornvogel" bezeichnet, weil die Larven "im Juni an verschiedenen Gräsern, besonders gern an Weizen" sitzen (Pabst 1884: 39). Möbius (1905: 34) verzeichnet die Art für Sachsen als "auf Feldern und Wiesen, verbreitet und überall ziemlich häufig". Die Art gilt in Sachsen und Deutschland als nicht gefährdet (Reinhardt 2007; Reinhardt & Bolz 2012), muss jedoch durch intensivere Mahd des Grünlandes, der Urbarmachung von Randstreifen, großflächiger Mahd sowie dem Mulchen von Grasländern örtlich erhebliche Verluste hinnehmen (Bräu et al. 2013).
Mulchen sollte in den Lebensräumen gänzlich unterbleiben, da es zum einen die Tiere mechanisch zerstört, zum anderen unter dem liegenden Mulchmaterial zur Verpilzung der Entwicklungsstadien kommt. Die Mahd sollte sich stets nur auf Teilbereiche in den Lebensräumen beschränken, um nicht alle Individuen zu entfernen (Bräu et al. 2013). Die zu mähenden Teilbereiche können von Jahr zu Jahr gewechselt werden.

Literatur   

  • Bräu, M., R. Bolz, H. Kolbeck, A. Nunner, J. Voith & W. Wolf 2013: Tagfalter in Bayern. – Eugen Ulmer, Stuttgart. 781 S.
  • Ebert, G. & E. Rennwald 1993: Die Schmetterlinge Baden-Württembergs. Band 1: Tagfalter 1. – Eugen Ulmer, Stuttgart. 552 S.
  • Eckstein, K. 1913: Die Schmetterlinge Deutschlands mit besonderer Berücksichtigung der Biologie. 1. Band. – Schriften des Deutschen Lehrerveins für Naturkunde 26: 120 S., 16 Taf.
  • Hall, P. W., C. D. Jones, A. Guidotti & B. Hubley 2014: Butterflies of Ontario. – Royal Ontario Museum, Toronto. 488 S.
  • Koch, 1984: Wir bestimmen Schmetterlinge. – Neumann Verlag, Leipzig & Radebeul. 792 S.
  • Lampert, K. 1907: Die Großschmetterlinge und Raupen Mitteleuropas mit besonderer Berücksichtigung der biologischen Verhältnisse. Ein Bestimmungswerk und Handbuch für Sammler, Schulen, Museen und Naturfreunde. – Schreiber, München und Eßlingen. 350 S.
  • Louy, D., J. C. Habel, T. Schmitt, T. Assmann, M. Meyer & P. Müller 2007: Strongly diverging population genetic patterns of three skipper species: the role of habitat fragmentation and dispersal ability. – Conservation Genetics 8 (3): 671–681.
  • McNeil, J. N. & R. M. Duchesne 1977: Transport of hay and its importance in the passive dispersal of the European skipper, Thymelicus lineola (Lepidoptera: Hesperiidae). – The Canadian Entomologist 109 (9): 1253–1256.
  • Möbius, E. T. A. 1905: Die Grossschmetterlings-Fauna des Königreiches Sachsen. – Deutsche entomologische Zeitschrift Iris, Dresden 18 (1): i–xxi, [i]–[xi], 1–235, Taf. 1–2.
  • Ochsenheimer, F. 1808: Die Schmetterlinge von Europa 1 (2): XXX + 240 S. + Verbesserungen. – Leipzig, bey Gerhard Fleischer dem Jüngeren.
  • Pabst, M. 1884: Die Gross-Schuppenflügler (Macrolepidoptera) der Umgebung von Chemnitz und ihre Entwicklungsgeschichte. 1. Teil: Rhopalócera Tagfalter. Heterócera A: Sphinges Schwärmer. B. Bombýces Spinner. – Abhandlungen der naturwissenschaftlichen Gesellschaft zu Chemnitz 9: 3–100.
  • Reinhardt, R. 2007: Rote Liste Tagfalter Sachsens. – Sächsisches Landesamt für Umwelt und Geologie (Hrsg.). 29. S.  
  • Reinhardt, R. & R. Bolz, unter Mitarbeit von S. Caspari, J. Gelbrecht, S. Hafner, J. Händel, A. Haslberger, G. Hermann, A. Hofmann, K.-H. Jelinek, D. Kolligs, A. C. Lange, J.-U. Meineke, A. Nunner, A. Schmidt, R. Thust, R. Ulrich, V. Wachlin und weiteren Spezialisten 2012 ("2011"): Rote Liste und Gesamtartenliste der Tagfalter (Rhopalocera) (Lepidoptera: Papilionoidea et Hesperioidea) Deutschlands. S. 165–194. – In: M. Binot-Hafke, S. Balzer, N. Becker, H. Gruttke, H. Haupt, N. Hofbauer, G. Ludwig, G. Matzke-Hajek & M. Strauch, Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands. Band 3: Wirbellose Tiere (Teil 1). – Naturschutz und Biologische Vielfalt 70 (3), herausgegeben vom Bundesamt für Naturschutz, Bonn - Bad Godesberg. 
  • Reinhardt, R., H. Sbieschne, J. Settele, U. Fischer & G. Fiedler 2007: Tagfalter von Sachsen. – Entomologische Nachrichten und Berichte, Dresden Beiheft 11: 1–695, 1–48.
  • Schmitt, T. 1998: Blütenpräferenzen von Tagfaltern im südwestlichen Hunsrück (Lepidoptera). – Nachrichten des entomologischen Vereins Apollo, N. F. 19 (2): 161–204.
  • Settele, J., R. Feldmann & R. Reinhardt 1999: Die Tagfalter Deutschlands. – Eugen Ulmer, Stuttgart. 452 S.
  • Tolman, T. & R. Lewington 1998: Die Tagfalter Europas und Nordwestafrikas. – Franckh-Kosmos, Stuttgart. 319 S., 104 Tafeln. (Übersetzung und fachliche Bearbeitung der 1. Aufl. von M. Nuss; 2. Aufl. 2012 von Heidrun Melzer).
  • Weidemann, H.-J. 1995: Tagfalter beobachten, bestimmen. – Naturbuch-Verlag, Augsburg. 660 S.  

Links

Autor(-en): Matthias Nuß. Letzte Änderung am 26.10.2020

Thymelicus lineola am Koitzschgraben in Dresden-Strehlen im Juli 2014
(© André Seifert)


Weibchen des Schwarzkolbigen Braundickkopfes im Juni 2015 am Stockteich in Arnsdorf
(© Peter Diehl)


Männchen des Schwarzkolbigen Braundickkopfes am 30.06.2015 auf dem Dresdner Heller beim Nektarsaugen an den Blüten des Gewöhnlichen Natternkopfes (Echium vulgare)
(© Matthias Nuß)


Schwarzkolbiger Braunddickkopf auf einer Hornkleeblüte. Deutlich zu sehen sind die unten schwarzen Fühlerspitzen. Blütenreiche Wiese im Bereich der Papitzer Lachen im Auwald nordwestlich von Leipzig, Juni 2014
(© Bernd Garbe)


Schwarzkolbiger Braundickkopf mit unterseits rotbraunen Fühlerspitzen. Ortsrand von Mühlrose im Juli 2014, auf Grasnelke
(© Matthias Nuß)


Männliches Genital von Thymelicus lineola. Sebnitz, Hinterhermsdorf, Neudorfschenke, 5.viii.1938, Skell. MTD prep. no. 307, F. Zöphel.
(© Friederike Zöphel)


Männliches Genital von Thymelicus lineola. Sebnitz, Hinterhermsdorf, Neudorfschenke, 5.viii.1938, Skell. MTD prep. no. 307, F. Zöphel.
(© Friederike Zöphel )


8. Segment im weiblichen Genital von Thymelicus lineola. Dresden-Wilschdorf, Glasewalds Ruhe, 15.vii.1954, Skell. MTD prep. no. 304, F. Zöphel.
(© Friederike Zöphel)
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