Feldgrille (Gryllus campestris Linnaeus, 1758)

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Diagnose

Körperlänge: Männchen 18–26 mm, Weibchen 19–27 mm + Legeröhre 8–15 mm

Körper schwarz, dicht mit feinen goldgelben Haaren überzogen.

Kopf: schwarz, Oberfläche glatt und glänzend. Fühler etwa so lang wie Körper.

Thorax: Flügel in Ruhe flach auf dem Rücken liegend; Vorderflügel an der Basis gelblich, im weiteren Verlauf goldbraun bis schwarz; Hinterflügel verkürzt, nur wenige Individuen mit voll entwickelten Hinterflügel und flugfähig. Hinterschenkel unterseits rot.

Gesang der Männchen: lauter, heller Gesang („zri zri zri“), der aus regelmäßig aneinander gereihten, meist 4-silbigen Versen besteht, welche bei hohen Temperaturen 3–5 mal pro Sekunde und bei tiefen Temperaturen nur noch einmal pro Sekunde geäußert werden. Die Silben gewinnen im Verlauf eines Verses an Lautstärke.

Ähnliche Arten: Die adulten Tiere sind aufgrund ihrer Größe, schwarzen Grundfärbung und roten Hinterschenkelunterseiten in Mitteleuropa nicht zu verwechseln.

Gesetzlicher Schutz und Rote Liste

Rote Liste Sachsen: gefährdet
Rote Liste Deutschland: ungefährdet

Merkmale

Verbreitung

Das Areal der Feldgrille liegt überwiegend in Europa. Es erstreckt sich von Südengland, Dänemark und Lettland südlich bis Nordafrika, östlich über die Ukraine, die Steppengebiete Russlands, die Kaukasusregion und die Türkei bis in den nordwestlichen Teil von Kasachstan (PESI, GBIF).

Lebensweise

Die Tiere ernähren sich überwiegend herbivor von Kräutern und Gräsern, verzehren gelegentlich aber auch kleine Insekten (Ingrisch & Köhler 1998).

Die adulten Tiere treten von Ende April bis Anfang Juli auf. Sie suchen in selbstgegrabenen Wohnröhren, welche etwa 20 bis 45 cm tief in die Erde hinab führen, Schutz vor Feinden und zu starker Hitze (Waeber & Meßlinger 2003). Vor dem meist nach Süden gerichteten Eingang wird ein vegetationsfreier Vorplatz angelegt, der als Singwarte, zur Besonnung und als Beobachtungsplatz genutzt wird (Fischer et al. 2016). Die Männchen zeigen gegenüber herumwandernden Artgenossen ausgeprägtes Territorialverhalten, bei dem es auch zu Kämpfen kommen kann (Waeber & Meßlinger 2003). Die erwachsenen Männchen erzeugen laute und weithin hörbare Lockgesänge (mit 4,5–5 kHz), gelegentlich aggressive Rivalengesänge (>5 kHz) und leise Werbegesänge (um 16 kHz) (Köhler 2003).

Die Weibchen legen jeweils 20 bis 60 Eier in die Wohnröhre oder in lockeren Boden (Waeber & Meßlinger 2003). Die Feldgrille ist recht ortstreu und die Larven siedeln sich meist im unmittelbaren Umfeld ihres Schlüpfortes an. Die Entwicklung verläuft über 9–11 Larvenstadien. Das vorletzte oder letzte Larvenstadium überwintert in den Wohnröhren (Köhler 2003; Grein et al. 2008).

Lebensräume

Remmert (1979) fordert für eine überlebensfähige Population mindestens 3 ha Fläche. Wallaschek (1996) fand auf Porphyrkuppen bei Halle auch Populationen auf weniger als 100 Quadratmetern, allerdings hat die Art in der region zahlreiche Einzelvorkommen. Aufgrund der geringen Ausbreitungsdistanzen der Feldgrillen von bis zu 40 m und nur selten mehr als 100 m (Ritz & Köhler 2007) sind geeignete Habitatverbundstrukturen für die Migration wichtig. 

Die Feldgrille bevorzugt nicht zu dicht bewachsene, warme und trockene Wiesen, Trocken- und Halbtrockenrasen, Heiden, trockene Waldränder, Böschungen und Dämme (Köhler 2003; Waeber & Meßlinger 2003). Essentiell für die Habitateignung ist grabbares Substrat (Grein et al. 2008).

Habitate gehen durch Düngung, intensive Mahd oder Beweidung, Nutzungsaufgabe, Aufforstung und Siedlungsbau verloren. Hüteschafhaltung, extensive Rinder- und Pferdebeweidung (Köhler 2003) sowie nicht zu häufige und partielle Mahd sind zur Habitatpflege zu empfehlen. 

Bestandssituation

Die Feldgrille gilt laut aktueller Roter Liste in Sachsen als gefährdet (Klaus & Matzke 2010), weist aber insbesondere im Elbtal, in Nordostsachsen und im mittleren Erzgebirge zahlreiche Vorkommen auf (Insekten Sachsen 2011–2021). Ob die Art in den übrigen sächsischen Regionen tatsächlich seltener ist, müssen gezielte Nachsuchen zeigen. 

Literatur

  • Beugnon, G. & R. Campan 1989: Homing in the field cricket, Gryllus campestris. – Journal of Insect Behaviour 2: 187–197.
  • Börner, J., K. Richter, M. Schneider & S. Straube 1994: Rote Liste Heuschrecken. – Sächsisches Landesamt für Umwelt und Geologie, Materialien zu Naturschutz und Landschaftspflege. Radebeul. 12 S.
  • Dambach, M. & H. Igelmund 1983: Das Eiablageverhalten von Grillen (Saltatoria: Grylloidea). – Entomologia Generalis 8: 267–281.
  • Fischer, J., D. Steinlechner, A. Zehm, D. Poniatowski, T. Fartmann, A. Beckmann & C. Stettmer 2016: Die Heuschrecken Deutschlands und Nordtirols – Bestimmen - Beobachten – Schützen. – Quelle & Meyer, 368 S.
  • Fuzeau-Braesch, S. 1966: Hibernation de Gryllus campestris: analyse de la stabilité et des exigences de la diapause. – Comptes Rendues de la Société Biologique, Paris 158: 1048–1052.
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  • Grein, G., A. Hochkirch, K. Schröder & H.-J. Clausnitzer 2008: Fauna der Heuschrecken (Ensifera & Caelifera) in Niedersachsen. – Naturschutz und Landschaftspflege in Niedersachsen 46. 186 S.
  • Hissmann, K. 1990: Strategies of mate finding in the European field cricket (Gryllus campestris) at different population densities: A field study. – Ecological Entomology 15: 281–291.
  • Hochkirch, A., K. A. Witzenberger, A. Teerling & F. Niemeyer 2007: Translocation of an endangered insect species, the field cricket (Gryllus campestris Linnaeus, 1758) in northern Germany. Biodiversity and Conservation 16: 3597–3607.
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  • Klaus, D. & D. Matzke 2010: Heuschrecken, Fangschrecken, Schaben und Ohrwürmer - Rote Liste und Artenliste Sachsens. – Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie. 36 S.
  • Ismail, S. & S. Fuzeau-Braesch 1972: Action du photopériodisme sur le nombre des stades larvaire, la diapause et la morphogenèse chez Gryllus campestris (Orthoptère). – Comptes Rendus de la Academie des Sciences, Paris D 275: 2535–2538.
  • Koch, U. T., C. J. H. Elliott, K. H. Schäffner & H. U. Kleindienst 1988: The mechanics of stridulation of the cricket Gryllus campestris. – Journal of comparative Physiology A 162: 213–223.
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  • Köhler, G. & K. Reinhardt 1992: Beitrag zur Kenntnis der Feldgrille (Gryllus campestris L.) in Thüringen. – Articulata 7: 63–76.
  • Müller, P. & D. Robert 2002: Death comes suddenly to the unprepared: singing crickets, call fragmentation, and parasitoid flies. – Behavioral Ecology 13 (5): 598–606.
  • Remmert, H. 1979: Grillen - oder wie groß müssen Naturschutzgebiete sein? – Nationalpark 1: 6–9.
  • Ritz, M. S. & G. Köhler 2007: Male behaviour over the season in a wild population of the field cricket Gryllus campestris L. – Ecological Entomology 32: 384–392.
  • Roesti, C. & B. Keist 2009: Die Stimmen der Heuschrecken. – Haupt Verlag, Bern. 144 S.
  • Rost, R. & H. W. Honegger 1987: The timing of premating and mating behavior in a field population of the cricket Gryllus campestris L. – Behavior Ecology and Sociobiology 21: 279–290.
  • Sellier, R. 1954: Recherches sur la morphogenèse et le polymorphisme alaires chez les Orthoptères Gryllides. – Annales des Sciences Naturelles, Zoologie, 16: 595–739.
  • Stärk, A. A. 1958: Untersuchungen am Lautorgan einiger Grillen- und Laubheuschrecken-Arten, zugleich ein Beitrag zum Rechts-Links-Problem. – Zoologisches Jahrbuch. Abteilung für Anatomie und Ontogenie der Tiere 77: 9–50.
  • Nocke, H. 1974: Biophysik der Schallerzeugung durch die Vorderflügel der Grillen. – Zeitschrift für vergleichende Physiologie 74: 272–314.
  • Regen, J. 1913: Über die Anlockung des Weibchens von Gryllus campestris L. durch telephonisch übertragene Stridulationslaute des Männchens. – Pflügers Archiv 155: S. 193–200.
  • Waeber, G. & U. Meßlinger 2003: Feldgrille Gryllus campestris (Linneaus, 1758). S. 146–149. – In: H. Schlumprecht & G. Waeber, Heuschrecken in Bayern. – Eugen Ulmer, Stuttgart.
  • Wallascheck, M. 1991 a: Zur Larvalentwicklung von Gryllus campestris L. 1758 (Orthoptera: Saltatoria: Gryllidae). – Articulata 6 (2): 163–170.
  • Wallaschek, M. 1991 b: Ein neuer Fund von Gryllus campestris var. caudata Krauss 1886. – Articulata 6 (2 ): 173.
  • Wallaschek, M. 1996: Tiergeographische und zoozönologische Untersuchungen an Heuschrecken (Saltatoria) in der Halleschen Kuppenlandschaft. – Articulata, Beiheft 6: 191 S.

Links

  • Natürliche und sexuelle Selektion bei der Feldgrille – wissenschaftliche Publikationen von Rolando Rodriguez Muñoz: Google Scholar

 

Autor(-en): Tommy Kästner, Matthias Nuß, Jennifer Wintergerst. Letzte Änderung am 16.05.2021

Männchen der Feldgrille. Rottewitz, Mai 2020
(© Matthias Nuß)


Männliche Feldgrille zu Besuch am Lichtfang in der Tagebaufolgelandschaft bei Bärwalde 11. Mai 2011. Gut zu erkennen sind "Harfe" und "Spiegel" auf den Flügeln, die als Resonanzkörper zur Verstärkung des Gesanges dienen.
(© Friedmar Graf)


Weibliche Feldgrille in der Tagebaufolgelandschaft bei Nochten am 26.06.2005. Das Geschlecht ist an den Flügelstrukturen gut zu erkennen (regelmäßige Aderung).
(© Anne Kästner)


Männliche Feldgrille nachts am Licht. Tagebaufolgelandschaft bei Bärwalde, 11. Mai 2011. Detailaufnahme des Stridulationsorgans auf der Basis der Flügel mit Schrillader, Schrillkante, Harfe und Spiegel
(© Friedmar Graf)


Feldaudioaufnahme. Radebeul, 08.05.2020 (22:30 MESZ). Samsung Galaxy S8. Stereo, 48 kHz, 32-bit Fließkomma.
(© Matthias Nuß)


Eine Larve der Feldgrille bei der Häutung zum adulten Weibchen. Radebeul, 25.04.2021
(© Detlev Herr)


Ein frisch gehäutetes Weibchen der Feldgrille. Noch sind der Körper braun und die noch weichen Flügel weißlich-gelb. Radebeul, 25.04.2021
(© Detlev Herr)


Larve der Feldgrille. Radebeul-Lindenau, April 2021
(© Matthias Nuß)


Larve der Feldgrille in der Braunkohletagebaufolgelandschaft.
(© Tommy Kästner)
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