Panorpa vulgaris Imhoff & Labram, 1838

DE Deutschland , DE-SN Sachsen

Diagnose

Kopf: Kopfschild (Clypeus) verlängert (Name: Schnabelfliegen!).

Thorax: Alle Flügel mit schwarzbraunen Flecken. Im Vorderflügel bilden die Flecken stets eine durchgehende Querbinde mit der Tendenz zu einer zweiten durchgehenden Binde; an der Flügelbasis gibt es einen kleinen Fleck, der über zwei (bis drei) Zellen reicht.

Hinterleib: Beim Männchen die letzten zwei Hinterleibssegmente deutlich dünner; Genitalanhänge vergrößert und nach oben getragen (Name: Skorpionsfliegen!). - Weibchen mit spitz auslaufendem Hinterleibsende.

Ähnliche Art: Panorpa communis.

Gesetzlicher Schutz und Rote Liste

–

Merkmale

Verbreitung

Von Norwegen und dem Baltikum bis Frankreich, Italien (Fauna Europaea) und Bulgarien (BOLD).

Lebensweise

Es entwickeln sich zwei Generationen im Jahr. Adulte der zweiten Generation erscheinen ab Ende Juli und können dann gemeinsam mit Adulten der ersten Generation im gleichen Lebensraum angetroffen werden (Sauer & Hensle 1975; Sauer et al. 2003).

Die Entwicklung der Embryonen in den Eiern dauert bei einer Temperatur von 20–21°C sechs Tage. Nach dem Schlupf fressen die Larven zunächst das Chorion ihrer Eischalen (Sauer 1970; Sauer & Hensle 1977).

Die Larven leben auf dem Boden oder im Oberboden in selbst gegrabenen Gängen. Sie fressen geschwächte oder tote Insekten, auch Individuen der eigenen Art. Dabei handelt es sich um Laborbeobachtungen; Beobachtungen aus dem Freiland liegen dazu nicht vor. Es entwickeln sich vier Larvenstadien. Bei 20°C dauert das L1-Stadium vier Tage, das L2-Stadium drei Tage und das L3-Stadium vier Tage. Das vierte Larvenstadium stellt nach 8–10 Tagen die Nahrungsaufnahme ein und baut eine Puppenwiege. Erfolgt die weitere Entwicklung ohne Diapause, folgt unmittelbar die Verpuppung und die Adulten schlüpfen drei bis vier Wochen, nachdem die Larven damit begannen, die Puppenwiege zu bauen. Mit Diapause erfolgt die Überwinterung. Das Diapausestadium dauert etwa sechs Monate. Danach folgt ein Präpuppenstadium und schließlich die Metamorphose zur Puppe. Ob die Entwicklung mit oder ohne Diapause erfolgt wird durch die Tageslänge während der Larvenentwicklung induziert, wobei die kritischen Werte in Abhängigkeit vom Standort leicht variieren können. Unter Langtagbedingungen (≥ 16 h 20 min) erfolgt die weitere Entwicklung zunehmend ohne Diapause, wobei sich bis zu 100% aller Individuen diapausefrei entwickeln können. Kurztagbedingungen (≤ 16 h 10 min) induzieren stets eine weitere Entwicklung mit Diapause (Sauer 1970; Sauer & Hensle 1977).

6–17 Tage nach dem Schlupf beginnen die Adulten mit der Paarung. Vor der Kopulation vollführen die Männchen einen komplexen Balztanz, der aus vier Motiven besteht, die eine zunehmende Intensität aufweisen. Beim "Zittern" wird der Hinterleib mit den nach oben gestellten Genitalanhängen angehoben und zitternd nach unten geschlagen. Die in Ruhestellung befindlichen Flügel vibrieren dabei ebenso wie der Hinterleib. Beim "Wippen" ist es ähnlich, nur werden Vorder- und Hinterflügel zusätzlich leicht angehoben und gespreizt und vibrierend nach unten geklappt. Beim "Winken" werden alle Flügel angehoben, weit gespreizt und mit ihren Flügelflächen nach vorn zur Schau gestellt. Gleichzeitig wird wie beim Zittern und Wippen das Abdomen angehoben und anschließend Flügel und Abdomen ruckartig und zitternd nach unten bewegt. Beim "Schlagen" werden die Flügel auf dem Hinterleib liegend zusammen mit diesem angehoben und begleitet von Hinterleibsvibrationen gemeinsam schnell nach unten geschlagen.
Werben mehrere Männchen um ein Weibchen spreizen sie ihre terminalen Genitalanhänge und schlagen mit diesen aufeinander ein. Dieses Verhalten zeigen Männchen zuweilen auch gegenüber bereits kopulierenden Männchen.
Die Weibchen bekunden ihrerseits ihr Interesse mit Winken und Wippen, wenden sich aktiv dem Männchen zu, strecken ihm den Hinterleib entgegen und bewegen den Ovipositor. Sie zeigen ihre Bereitschaft auch, ohne dass zuvor ein Männchen den Balztanz vollführte.
Bei der Kopulation stehen die beiden Partner seitlich zueinander. Das Männchen fährt zunächst mit seinen Genitalanhängen bauchseitig am Hinterleib des Weibchens entlang, bevor es zur Vereinigung der beiden kommt. Während der Kopulation übergibt das Männchen dem Weibchen ein eiweißreiches, kugelförmiges Hochzeitsgeschenk, das vom Weibchen verzehrt wird. Im weiteren Verlauf der Kopulation können mehrmals solche Eiweißkugeln übergeben werden. Geht das Weibchen während der Paarung jedoch der gewöhnlich Nahrungsaufnahme nach, verzichtet das Männchen auf die Übergabe des Hochzeitsgeschenks. Die Kopulation kann nur einige Minuten oder auch mehrere Stunden dauern und beide Partner können unmittelbar danach erneut mit anderen Partnern kopulieren (Sauer 1970; Sauer & Hensle 1977).

Wie die zahlreichen Fotos hier auf INSEKTEN SACHSEN zeigen, ernähren sich die Adulten von Aas (tote Insekten, Schnecken), Früchten und Pollen. Sie sind in der Lage, in Spinnennetzen zu klettern und sich von den dort gefangenen Insekten zu ernähren.
Auch wird berichtet, dass die Tiere zuweilen lebende Insekten erbeuten, die größer sind als sie selbst.

Drei bis neun, durchschnittlich sechs Tage nach der ersten Kopulation beginnen die Weibchen mit der Eiablage. Im Durchschnitt legt ein Weibchen 500 Eier (Minimum 13, Maximum 1113) in acht Gelegen ab (Minimum 2, Maximum 20), wobei durchschnittlich 58 Eier in einem Gelege abgelegt werden (Minimum 12, Maximum 172). Die Eiablage erfolgt am Boden in eine Erdspalte. Hier müssen die Eier Kontaktfeuchte haben, wenn sich die Embryonen ohne nennenswerte Absterberaten entwickeln sollen (Sauer & Hensle 1977).

Lebensräume

Besonnte Heckenränder (Sauer & Hensle 1975), wobei die Individuen eine gleiche Präferenz für besonnte und schattige Stellen zeigen (Sauer & Hensle 1977).

Bestandssituation

In Sachsen nicht gefährdet.

Literatur

  • Sauer, K. P & Hensle, R. 1975: Panorpa communis L. und P. vulgaris Imhoff und Labram, zwei Arten. – Experientia 31: 428–429.
  • Sauer, K. P. & R. Hensle 1977: Reproduktive Isolation, ökologische Sonderung und morphologische Differenz der Zwillingsarten Panorpa communis L. und P. vulgaris Imhoff und Labram (Insecta, Mecoptera). – Zeitschrift für zoologische Systematik und Evolutionsforschung 15: 169–207.
  • Sauer, K. P., T. Lubjuhn, J. Sindern, H. Kullmann, J. Kurtz, C. Epplen & J. T. Epplen 1998: Mating systems and sexual selection in the scorpionfly Panorpa vulgaris (Mecoptera: Panorpidae). – Naturwissenschaften 85: 219–228.
  • Saure, C. 2003: Verzeichnis der Schnabelfliegen (Mecoptera) Deutschlands. – Entomologische Nachrichten und Berichte, Beiheft 8: 299–303.

Links

Autor(-en): Matthias Nuß. Letzte Änderung am 31.12.2017

Panorpa vulgaris, Männchen, Radeberg, Mai 2016.
(© Udo Lemke)


Männchen von Panorpa vulgaris im April 2007 auf einer Wiese oberhalb des Kulkwitzer Sees
(© Bernd Garbe)


Weibliche Skorpionsfliege am 16.05.2013 im Tharandter Wald am Seerentalweg
(© Lothar Brümmer)


Panorpa vulgaris im Oktober 2013 in der Gemarkung Hohenprießnitz am Muldeufer östlich einer Gartenanlage
(© Michael Happ)


Skorpionsfliegen bei der Kopulation, (09.08.2010 im Tharandter Wald am Triebischsee). Das Männchen hält das Weibchen nicht nur mit dem zangenförmigen Abdominalfortsatz fest, sondern hat seine Flügel noch so über die des Weibchens gelegt, dass ein Fortfliegen unmöglich ist. Die Hochzeit findet an einer toten Raupe (von Gregärparasiten befallen) statt, an denen die Adulten Nahrung aufnehmen
(© Lothar Brümmer )


Paarung bei Panorpa vulgaris. Delitzsch, Mai 2016
(© Hans-Dieter Knopf)


Ein Weibchen der Skorpionsfliege Panorpa vulgaris, offensichtlich beim Pollenfressen, auf Rainfarn. August 2017 bei Wartha (O.L.)
(© Matthias Nuß)


Ein Weibchen der Skorpionsfliege Panorpa vulgaris betätigt sich als Beuteräuber in einem Spinnennetz. Pretzschendorf, 2011
(© Angela Kühne)


Ein Weibchen von Panorpa vulgaris frisst an einer Frucht. Freital-Wurgwitz, Hammerteiche, Juni 2015
(© Manfred Wonka)


Am 24.06.2010 habe ich an einer Wand unseres Hauses in Glashütte um 14.55 Uhr die Gemeine Skorpionsfliege aufgenommen, die dort recht still saß und möglicherweise von einem Spinnenbiss betäubt war. 14.58 Uhr hatte ich sie für das Portrait auf dem Finger. Als ich 16.10 Uhr nach ihr schaute war sie tot.
(© Stefan Höhnel)
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