Vergängliche Jungfrau (Ephoron virgo (Olivier, 1792))

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Diagnose

Vorderflügellänge: 10–16 mm.

Kopf: Komplexaugen schwarz, Fühler weiß.

Thorax: Prothorax weiß, Mesothorax hellbraun. Flügel weißlich, bei den Männchen transparent, bei den Weibchen opaque. Vorderbeine basal schwarz, distal weiß, der Männchen mehr als körperlang, der Weibchen sehr kurz; Mittel- und Hinterbeine weiß.

Abdomen: Cerci und Paracercus weiß, beim Männchen der Paracercus nur rudimentär (Männchen mit zwei, Weibchen mir drei langen Körperanhängen).

Gesetzlicher Schutz und Rote Liste

–

Nomenklatur

Ephemera virgo Olivier, 1792: 419.

Für den deutschen Namen dieser Art wird hier auf Oliviers (1792: 416) 'Ephemere vierge' in der französischen Originalbeschreibung Bezug genommen. (mn)

Merkmale

Die etwa 260 x 175 µm großen Eier besitzen eine deutliche Polkappe, die nach Wasserkontakt sofort einzelne dicke Anheftungsfäden zeigt (Haybach 2003).
Die Larven werden 12–20 mm lang, sind gelblich-weiß und besitzen sieben Kiemenpaare am Hinterleib, das erste blattförmig, die anderen zweiästig mit Fransen (Bauernfeind & Soldán 2012: 454).
Subimago ähnlich der Imago, die Flügel jedoch grauweiß und die Weibchen dunkler als die Männchen sowie mit rötlich-gelbem Abdomen (Bauernfeind & Soldán 2012: 454). Die Weibchen bleiben stets eine Subimago und häuten sich nicht zur Imago.

Verbreitung

Von Frankreich und Nordafrika bis nach Ostasien (Bauernfeind & Soldán 2012: 454). 

Lebensweise

Die Larven schlüpfen im Frühjahr aus den Eiern und entwickeln sich in einem Zeitraum von drei bis vier Monaten. Sie leben auf und im Flusssediment. Die ersten Stadien haben keine Tracheenkiemen und leben frei im Substrat. Später graben sie sich horizontal U-förmige Röhren in das Flusssediment. Hier erzeugen sie mit ihren gefiederten Tracheenkiemen wellenförmige Bewegungen, wodurch ein Wasserstrom durch die Röhre fließt, der Sauerstoff und Nahrung wie Detritus und Algen liefert, die aus dem Wasser gefiltert werden.
Wenn die Larven das Subimago-Stadium erreichen, schwimmen sie zur Wasseroberfläche, wo sie auftauchen. Kurz nach der Dämmerung kommt es zu Massenschwärmen über den Flüssen. Die Männchen tauchen früher auf als die Weibchen und landen am Ufer des Flusses, wo sie ihre Subimago exuviae häuten. Danach kehren sie zum Fluss zurück, um horizontal über der Wasseroberfläche zu fliegen und nach aufstrebenden Weibchen zu suchen. Die Weibchen bleiben während ihres Erwachsenenlebens Subimagos und werden im Flug befruchtet. Nach der Paarung gibt jedes Weibchen unmittelbar nach dem Berühren der Wasseroberfläche zwei Eipakete mit insgesamt 2000–3000 Eiern ab. Die Erwachsenen sterben nach der Flugzeit, die ungefähr eine Stunde dauert.
Die Eipakete fallen im Wasser auseinander und die Eier sinken einzeln auf den Grund des Flusses, wo sie mit der klebrigen Polkappe am Untergrund befestigt werden, um nicht mit der Wasserströmung weiter stromabwärts zu verdriften. Im Winter befinden sich die Eier in einer Diapause, die im Frühjahr durch steigende Temperaturen deaktiviert wird (Kureck 1996; Greve et al. 1999; Haybach et al. 2004; Bauernfeind & Soldán 2012).

Die Imagines werden in großer Zahl von künstlichen Lichtquellen angelockt, wobei das polarisierende Licht künstlicher Oberflächen (Straßenasphalt, Brückengeländer) den Anlockeffekt zusätzlich erhöht. Auf einer einzigen Brücke wurden geschätzt 1,5 Mio. Tiere in einer einzigen Nacht angelockt. Da die Weibchen ihre Eipakete freigeben, sobald ihr Hinterleib mit einer Oberfläche in Berührung kommt, gelangen die Eier von all jenen Weibchen, die unter den Lampen auf der Straße verenden, nicht ins Wasser. Dies bedeutet einen großen quantitativen Verlust für die weitere Populationsentwicklung (Eisenbeis & Hänel 2009; Szaz et al. 2015). Egri et al. (2017) schlagen deshalb künstliches Ablenklicht über dem Fluss vor, wodurch die Weibchen nach der Paarung vollständig ins Wasser fallen. Allerdings locken solche Leuchtstellen auch Fische an, die in großer Zahl die angelockten Eintagsfliegen fressen, und unterbinden nicht die Anlockwirkung entfernter künstlicher Lichtquellen am Fluss, wie Beobachtungen in Schwandorf im Jahr 2019 zeigen (siehe nebenstehende Fotos und Videos).

Lebensräume

Potamal mittlerer und großer Flüsse (Bauernfeind & Soldán 2012: 454).

Bestandssituation

Ephoron virgo galt Anfang der 1980er Jahre in Deutschland als ausgestorben oder verschollen (Blab 1984), wurde in den 1980er Jahren in Rhein und Donau wieder nachgewiesen, hatte sich nach dieser Zeit in diesen Flüssen sowie in Altmühl, Fulda, Main, Mosel, Naab und Weser ausgebreitet, was mit einer zunehmend besseren Wasserqualität der Flüsse einherging (Burmeister 1989; Bäthe 1997; Haybach et al. 2013). In Bayern zudem in Isar, Regen, Regnitz und Donau (Koch 2016). An der Naab im oberpfälzischen Landkreis Schwandorf (Orte Schwarzenberg und Schwandorf) treten Massensynchronschlupfereignisse auch heutzutage noch auf und werden leider manchmal immer noch als Plage angesehen, anstatt eines einzigartigen Naturschauspiels, das es an vielen Orten in Mitteleuropa nicht mehr gibt.

In Sachsen schlüpften um 1900 die Adulten von Ephoron virgo an der Oberelbe noch so massenhaft, dass dieses Ereignis als "Schneegestöber im Sommer" bezeichnet wurde. Die Anwohner in den Dörfern an der Elbe in der Sächsischen Schweiz und in Böhmen eilten abends herbei, lockten die Tiere mit Feuer an, woran sie sich die Flügel verbrannten und verendeten. Die Körper wurden getrocknet und als Futter für Singvögel verkauft  (Schäfer 1900). Der letzte Nachweis dieser Art aus Sachsen stammt bereits aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg (Jacob 1972). Die Art ist in Sachsen ausgestorben (Voigt et al. 2017).

Literatur

  • Bäthe, J. 1997: Über die Wiederbesiedlung der Weser durch Ephoron virgo (Olivier 1791) (Ephemeroptera, Polymitarcidae), Anodonta anatina (Linnaeus 1758) und Unio pictorum (Linnaeus 1758) (Lamellibranchiata, Unionidae). – Lauterbornia 28: 45–50.
  • Blab, J. 1984: Rote Liste der gefährdeten Tiere und Pflanzen in der Bundesrepublik Deutschland. – KILDA-Verlag, Greven.
  • Bauernfeind, E. & T. Soldán 2012: The Mayflies of Europe. – Apollo Books, Stenstrup. 781 S.
  • Burmeister, E.-G. 1985: Der Massenflug aquatischer Insekten (Iamgines) - ein Charakteristikum unserer großen Flüsse am Beispiel der Alz (Chiemgau). – Nachrichtenblatt der Bayerischen Entomologen 34: 1–5.
  • Burmeister, E.-G. 1987: Beobachtungen zum Schwärmverhalten von Ephoron virgo Ol. am Gard in Südfrankreich (Ephemeroptera, Polmitarcidae). – Nachrichtenblatt der Bayerischen Entomologen 36: 33–38.
  • Burmeister, E.-G. 1989: Das Massenschwärmen von Flußinsekten - ein an unseren großen Flüssen verschwundenes Phänomen. – Verhandlungen Westdeutscher Entomologentag Düsseldorf 1988: 59–74.
  • Burmeister, E.-G. 1989: Wiederfunde von Ephoron virgo Olivier, 1791, Ephemera lineata Eaton. 1870 und Oligoneuriella rhenana Imhoff, 1852. Ein Beitrag zur Biologie der Fluß-Eintagsfliegen (Insecta, Ephemeroptera). – Spixiana 11 (2): 177–185.
  • Butz, L. & T. Schuwerk 1993: Beobachtungen zum Massenflug von Ephoron virgo (Olivier 1791) an der Donau Ostbayerns (Insecta, Ephemeroptera). – Lauterbornia 13: 25–26.
  • Cid, N., C. Ibanez & N. Prat 2008: Life history and production of the burrowing mayfly Ephoron virgo (Olivier, 1791) (Ephemeroptera: Polymitarcyidae) in the lower Ebro river: a comparison after 18 years. – Aquatic Insects 30: 163–178.
  • Egri Á, D. Száz, A. Farkas, Á. Pereszlényi, G. Horváth & G. Kriska 2017: Method to improve the survival of night-swarming mayflies near bridges in areas of distracting light pollution. – Royal Society Open Science 4: 171166.
  • Eisenbeis, G. & A. Hänel 2009: Light pollution and the impact of artificial night lighting on insects. S. 243–263. – In: M. J. McDonnell, A. H. Hahs & J. H. Breuste, Ecology of Cities and Towns. – Cambridge University Press, Cambridge.
  • Evenhuis, N. L. 2003: Dating and publication of the Encyclopédie Méthodique (1782–1832), with special reference to the parts of the Histoire Naturelle and details on the Histoire Naturelle des Insectes. – Zootaxa 166: 1–48.
  • Greve, G. D., H. G. van der Geest, S. C. Stuijfzand, A. Kureck & M. H. S. Kraak 1999: Development and validation of an ecotoxicity test using filed collected eggs of the riverine mayfly Ephoron virgo. – Proceedings of experimental & applied environmental Entomology 10: 105–110.
  • Haybach, A. 2003: Eistrukturen bei deutschen Eintagsfliegen (Insecta; Ephemeroptera). – Lauterbornia 47: 41–58.
  • Haybach, A., J. Müller & M. Schleuter 2004: Flugzeit und Flugaktivität von Ephoron virgo (Olivier, 1791) (Insecta: Ephemeroptera) am Main. - Lauterbornia 50: 59-65.
  • Haybach, A., M. Schleuter & T. Tittizer 2003: Current Distribution of mayflies (Insecta: Ephemeroptera) in Germany Federal Waterways. – S. 313–315. – In: E. Gaino, Research Update on Ephemeroptera & Plecoptera. – University of Perugia, Perugia, Italy.
  • Jacob, U. 1972: Beitrag zur autochthonen Ephemeropterenfauna in der DDR. – Dissertation Universität Leipzig, 158 S.
  • Koch, S. 2016: Die Eintagsfliegen Bayerns: Aktueller Verbreitungsatlas, Bestandssituation und Bestandstrends (Insecta, Ephemeroptera). – Mittelungen der münchner entomologischen Gesellschaft 106: 65–127.
  • Kureck, A. 1993: Was weiß man über die Biologie der großen Eintagsfliege Ephoron virgo (Olivier 1791)? – Verhandlungen des Westdeutschen Entomologentag Düsseldorf 1991: 135–142.
  • Kureck, A., 1996: Eintagsfliegen am Rhein: Zur Biologie von Ephoron virgo (Olivier, 1791). – Decheniana-Beiheifte 35:17–24.
  • Kureck, A. 1996: Das Massenschwärmen der Eintagsfliegen am Rhein. Zur Rückkehr von Ephoron virgo (Olivier 1791). – Natur und Landschaft 67 (9): 407–409.
  • Kureck, A. & R. J. Fontes 1996: The life cycle and emergence of Ephoron virgo, a large potamal mayfly that has returned to the river Rhine. – Archiv für Hydrobiologie Supplement 113: 319–323.
  • Kureck, A. & R. Bieg 2001: Zur Ernährungsökologie von Ephoron virgo (Ephemeroptera) im Rhein: Die Entwicklung der Mundwerkzeuge und der Einfluss von Nahrungskonkurrenz auf die filtrierenden Larven. – Verhandlungen Westdeutscher Entomologentag 2000: 299–306.
  • Kureck, A. & F. Seredszus 2007: Entwicklung, Emergenz und Flugzeiten der Eintagsfliege Ephoron virgo am Rhein. – Entomologie heute 19: 39–49.
  • Kureck, A., R. Bieg, R. Wendeler & J. Borcherding 2014: Fecunditiy of the mayfly Ephoron virgo (Olivier, 1791) (Ephemeroptera: Polymitarcidae): A long-term study in the River Rhine. – Limnologica 47: 1–6.
  • Olivier, G. A. 1791–1792: Encyclopédie méthodique. Histoire naturelle. Insectes 6: [1–2], 1–704. (Paris, Panckoucke) [S. 1–368: 21. November 1791, S. 369–704: 01. Oktober 1792 (Evenhuis 2003: 36)]
  • Schäfer, T. 1900: Weißwurmfang an der Oberelbe. - Bunte Bilder aus dem Sachsen-Lande 3: 113-115. – Sächsischer Pestalozzi-Verein, Leipzig. 
  • Schleuter, A., M. Schleuter & T. Tittizer 1989: Beitrag zur Autökologie von Ephoron virgo (Oliver) (Ephemeroptera, Polymitarcidae) – Spixiana, Zeitschrift für Zoologie 12: 135–144.
  • Schödel, H. 1998: Massenflüge von Ephoron virgo Olivier 1791 (Insecta, Ephemeroptera) in Bamberg und Burgebrach. – Bericht der naturforschenden Gesellschaft Bamberg 73: 45–50.
  • Szaz, D., G. Horvath, A. Barta, B. A. Robertson, A. Farkas, A. Egri, N. Tarjanyi, G. Racz & G. Kriska 2015: Lamp-Lit Bridges as Dual Light-Traps for the Night-Swarming Mayfly, Ephoron virgo: Interaction of Polarized and Unpolarized Light Pollution. PLoS ONE 10 (3): e0121194.
  • Tobias, W. 1996: Sommernächtliches 'Schneetreiben' am Main. Zum Phänomen des Massenfluges von Eintagsfliegen. – Natur und Museum (Frankfurt/M.) 2/1996: 37–54.
  • Voigt, H., R. Küttner & B. Plesky 2017: Rote Liste und Artenliste Sachsens - Eintagsfliegen. – Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, Dresden, 28 S.

Links

Autor(-en): Matthias Nuß. Letzte Änderung am 03.08.2020

Männchen (links) der Vergänglichen Jungfrau. Beachte die langen Vorderbeine, die transparenten Flügel und die zwei langen Hinterleibsanhänge. Nabburg, Juli 2020
(© Matthias Nuß)


Weibchen der Vergänglichen Jungfrau. Beachte die sehr kurzen Vorderbeine, die opaquen Flügel und die drei langen Hinterleibsanhänge. Nabburg, Juli 2020
(© Matthias Nuß)


Ein Eintagsfliegenweibchen, angelockt vom Kunstlicht. Schwandorf, Juli 2019
(© Matthias Nuß)


Am Morgen nach dem Massenflug: Ein verendetes Weibchen. Nach der Paarung ist ihr Hinterleib aufgeplatzt, um die vielen Eier freizugeben, doch gelangen sie bei den vielen Tieren, die vom Kunstlicht an Land gelockt wurden, nicht ins Wasser, wo sich die Larven entwickeln. Schwandorf, Juli 2019
(© Matthias Nuß)


Eine Lampe unter der Brücke soll die vielen Eintagsfliegen anlocken, damit sie nicht die Straßenlampen anfliegen, doch warten hier viele Fische, welche die Eintagsfliegen gleich fressen (die vielen kleinen Fische sind im nur im vergrößerten Foto andeutungsweise zu erkennen). Schwandorf, Juli 2019
(© Matthias Nuß)


Lampen am Fußweg locken Eintagsfliegen an, die unterhalb der Lampen auf dem Boden verenden. Die Weibchen können ihre Eier nicht ins Wasser abgeben. Schwandorf, Juli 2019
(© Matthias Nuß)


Nur etwa 200 m entfernt von dem Ablenklicht unter der Naab-Brücke lockt eine Straßenlampe Zig-Tausende Eintagsfliegen an, die auf der Straße verenden. Schwandorf, Juli 2019
(© Matthias Nuß)


Nach der Paarung fallen die Eintagsfliegen natürlicherweise auf die Wasseroberfläche. Bei den Weibchen platzt nun der Hinterleib auf und gibt so die Eier ins Wasser ab, wo sich die Larven entwickeln werden. Schwandorf, Juli 2019
(© Matthias Nuß)
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