Ameisen (Formicidae)

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Diagnose

Körperlänge: 2–14 mm.

Kopf: Fühler meist deutlich geknickt; Anzahl der Fühlerglieder variiert zwischen den Arten.

Thorax: Flügel werden nur von jungen Geschlechtstieren (Königin und Männchen) ausgebildet und nach dem Paarungsflug abgeworfen. Arbeiterinnen immer flügellos.

Hinterleib: Das Stielchen zwischen Mesosoma und Gaster ist entweder eingliedrig (Petiolus) und schuppenförmig oder zweigliedrig (Petiolus und Postpetiolus) und doppelt knotenförmig ausgebildet.

Ähnliche Arten: Die übrigen Hautflügler mit Wespentaille ohne schuppen- oder knotenförmige Ausbildung des Stielchens.

Merkmale

Der Grundbauplan einer Ameise ist in Abb. 1 dargestellt. In Mitteleuropa sind die Ameisen mit vier Unterfamilien vertreten, den Schuppenameisen (Formicinae), Knotenameisen (Myrmicinae), Urameisen (Ponerinae) und Drüsenameisen (Dolichoderinae).

Charakteristisches Merkmal der Knotenameisen ist das zweigliedrige Stielchen, dessen zwei Knoten (Petiolus und Postpetiolus) deutlich von der nachfolgenden Gaster abgetrennt sind. Ur-, Drüsen- und Schuppenameisen besitzen ein eingliedriges, schuppenförmiges Stielchen (Petiolus), das namensgebend für die Schuppenameisen ist. Bei den Schuppenameisen sind auf der Gaster fünf Segmente sichtbar und am Abdomenende befindet sich ein Haarkranz. Bei den Drüsenameisen sind auf der Gaster vier Segmente sichtbar und am Abdomenende befindet sich kein Haarkranz. Bei den Urameisen ist das erste Gastersegment durch eine Einschnürung vom zweiten Segment abgesetzt und die weibliche Kaste besitzt wie die Knotenameisen einen Stachel (Seifert 2007).


Abb. 1:
Grundbauplan einer Ameise (Mariana Ruiz, public domain).

Artenvielfalt

Bis 2005 wurden weltweit 11.477 rezente Ameisenarten beschrieben, die in 23 Unterfamilien und 287 Gattungen klassifiziert werden (Bolton et al. 2006). Davon kommen 118 Arten in Deutschland und 81 in Sachsen vor (Seifert 2018).

Lebensweise

Ameisen leben eusozial, mit fruchtbaren Weibchen (Königin) und Männchen sowie nicht fruchtbaren Arbeiterinnen. Die Koloniegründung kann auf recht unterschiedliche Art und Weise erfolgen. 67% der einheimischen Ameisenarten gründen und erhalten ihre Kolonien unabhängig von anderen Ameisenarten durch einzelne Königinnen oder durch Zweignestbildung. Die Koloniegründung durch einzelne Königinnen beginnt mit einem begatteten Weibchen, das entweder die Gründungskammer aufgrund schwacher Reserveorgane zur Nahrungssuche verlassen muss (semiclaustral) oder dank gut entwickelter Reserveorgane die Gründungskammer verschließen kann (claustral), um ein Eindringen von Räubern zu unterbinden. Die Zweignestbildung erfolgt durch die Aufnahme von Jungköniginnen aus dem eigenen Nest oder aus fremden, aber artgleicher Nestern. Mit einem Teil der Arbeiterinnenpopulation etablieren sie Zweignester, die mit dem Mutternest in Kontakt bleiben. So können oligo- oder polydome Kolonien entstehen, die lokal eine hohe ökologische Dominanz aufweisen. Einige Arten sind aber auch Sozialparasiten bei anderen Ameisenarten, mit denen sie über chemische und physikalische Kommunikation in Kontakt stehen, z. B. bei Fütterung und Brutpflege. Die Ausprägung reicht von vom "Anzapfen" der Futtervorräte bis zur schädigenden Ausplünderung, die Nutzung der Nestterritorien anderen Arten als Gast (Xenobionten) sowie temporärem und permanenten Sozialparasitismus (Seifert 2007). Letztere stehlen aus Nestern ihrer Wirtsart Larven und Puppen, die im eigenen Nest als „Sklaven“ gehalten werden und die Arbeit verrichten müssen. Oder die parasitische Königin produziert keine eigenen Arbeiterinnen, sondern nur Geschlechtstiere, dringt unbemerkt in die Wirtskolonie ein und lässt sich und ihre Nachkommen dort von den Wirten versorgen.

Bei manchen Arten können die Königinnen bis zu 30 Jahre alt werden und die Koloniegröße kann je nach Art von wenigen dutzend Arbeiterinnen bis mehrere Millionen Arbeiterinnen variieren. Einige Arten bilden eine Soldatenkaste aus, die sich morphologisch von den anderen Arbeiterinnen in ihrer Größe und stärkeren Mundwerkzeugen unterscheiden.

Ameisen ernähren sich hauptsächlich von Samen und toten Insekten.

Die Larven der meisten Schuppen- und Urameisen spinnen sich vor dem Verpuppen in einen Kokon ein. Die Larven der Knotenameisen verpuppen sich ohne Kokon.

Lebensräume

Ameisen kommen in beinahe allen terrestrischen Lebensräumen vor, außer im Permafrost. In Mitteleuropa sind die Nester meist unterirdisch zu finden, manchmal auch in Bäumen, Totholz oder zwischen Steinen.

Bestandssituation

In Deutschland sind von den 108 für die Rote Liste bewerteten Arten 52 % bestandsgefährdet, darunter eine Art (0,9 %) ausgestorben. Nur 26 % der einheimischen Arten gelten als ungefährdet, 18 % stehen auf der Vorwarnliste, für eine Art (0,9 %) sind die Daten unzureichend und acht weitere Arten sind Neozoen (Seifert 2011).
Von den 87 Arten in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen befinden sich 63 % auf der Roten Liste und 9 % davon sind vom Aussterben bedroht (Seifert 1993).

Bestimmung der Arten

Umfassende und stetig aktualisierte Bestimmungsbücher für Mitteleuropa liegen durch Seifert (1996, 2007, 2018) vor. Einen Ausschnitt der Arten mit kurzer Beschreibung findet sich auch in Bellmann (1995, 2017). Eine Übersicht aller Arten weltweit gibt es auf AmeisenWiki.

Literatur

  • Bolton, B., G. Alpert, P. S. Ward & P. Naskrecki 2006: Bolton's catalogue of ants of the world 1758–2005. – Harvard University Press, Cambridge. CD-ROM.
  • Bellmann, H. 2017: Bienen, Wespen, Ameisen. – Franckh-Kosmos Verlags-GmbH& Co. KG, Stuttgart.
  • Hölldobler, B. & E. O. Wilson 1990: The Ants. – Harvard University Press, Cambridge. XIV + 732 S., 24 Taf.
  • Lebas, C., C. Galkowski, R. Blatrix & P. Wegnez 2019: Die Ameisen Europas. Der Bestimmungsführer. – Haupt Verlag. 415 S.
  • Seifert, B. 1993: Rote Liste der Ameisen (Formicidae) Sachsen-Anhalts, Thüringens und Sachsens. – Entomologische Nachrichten und Berichte 37: 243–245.
  • Seifert, B. 1996: Ameisen beobachten, bestimmen. – Naturbuchverlag, Augsburg. 352 S.
  • Seifert, B. 2007: Die Ameisen Mittel- und Nordeuropas. – Lutra, Görlitz & Tauer. 368 S.
  • Seifert, B. 2011: Rote Liste und Gesamtartenliste der Ameisen (Hymenoptera: Formicidae) Deutschlands. – In: Binot-Hafke, M., Balzer, S., Becker, N., Gruttke, H., Haupt, H., Hofbauer, N., Ludwig, G., Matzke-Hajek, G. & Strauch, M. (Bearb.): Rote Liste der gefährdeten Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands. Band 3: Wirbellose Tiere (Teil 1). – Bonn (Bundesamt für Naturschutz). – Naturschutz und Biologische Vielfalt 70 (3): 469–487.
  • Seifert, B. 2017: The ecology of Central European non-arboreal ants – 37 years of a broad-spectrum analysis under permanent taxonomic control. – Soil Organisms 89 (1): 1–67.
  • Seifert, B. 2018: The ants of Central and North Europe. – Lutra, Görlitz & Tauer. 407 S.
  • Seifert, B. 2020: Superkoloniale Ameisen nördlich der Alpen – eine Welle rollt an. – Pest Control News 69: 18–22.
  • Wills, B. D. & D. A. Landis 2018: The role of ants in north temperate grasslands: a review. - Oecologia 186 (2): 323–338.
  • Viehmeyer, H. 1900: Beobachtungen über das Zurückfinden von Ameisen (Leptothorax unifasciatus) zu ihrem Neste. – Illustrierte Zeitschrift für Entomologie 5: 311–313.
  • Viehmeyer, H. 1904: Experimente zu Wasmanns Lomechusa-Pseudogynen-Theorie und andere biologische Beobachtungen an Ameisen. – Allgemeine Zeitschrift für Entomologie 9: 334–344.
  • Viehmeyer, H. 1906: Beiträge zur Ameisenfauna des Königreiches Sachsen. – Abhandlungen der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft ISIS zu Dresden 1906 (II): 55–69, Taf. III.
  • Viehmeyer, H. 1908: Bilder aus dem Ameisenleben. – Naturwissenschaftliche Bibliothek. – Quelle & Meyer, Leipzig.
  • Viehmeyer, H. 1908: Zur Koloniegründung der parasitischen Ameisen. – Biologisches Centralblatt 28: 18–32.
  • Viehmeyer, H. 1911: Hochzeitsflug und Hybridation bei den Ameisen. – Deutsche Entomologische Nationalbibliothek II.
  • Viehmeyer, H. 1912: Ameisen aus Deutsch Neuguinea gesammelt von Dr. O. Schlaginhaufen. Nebst einem Verzeichnisse der papuanischen Arten. – Abhandlungen und Berichte des Königlich Zoologischen und Anthropologisch-Ethnographischen Museums zu Dresden 14: 1–26.
  • Viehmeyer H, 1913. Ameisen aus dem Kopal von Celebes. – Stettiner Entomologische Zeitung 74: 141–155.
  • Viehmeyer, H. 1914: Neue und unvollständig bekannte Ameisen der alten Welt. – Archiv für Naturgeschichte A 79 (1913) (12): 24–60.
  • Viehmeyer, H. 1915: Ameisen von Singapore. Beobachtet und gesammelt von H. Overbeck. – Archiv für Naturgeschichte A 81 (8): 108–168.
  • Viehmeyer, H. 1916: Ameisen von den Philippinen und anderer Herkunft (Hym.). – Entomologische Mitteilungen, Berlin-Dahlem 5: 283–291.
  • Viehmeyer, H. 1917: Anomalien am Skelette der Ameisen. – Entomologische Mitteilungen 6: 66–72.
  • Viehmeyer, H. 1922: Neue Ameisen. – Archiv für Naturgeschichte A 88 (7): 203–220.

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Autor(-en): Matthias Nuß, Michael Braune, Barbara Feldmeyer. Letzte Änderung am 26.11.2020
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