Kleiner Eisvogel (Limenitis camilla (Linnaeus, 1764))

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Diagnose

Vorderflügellänge 26–27 mm.

Flügeloberseiten dunkelbraun mit breitem weißen Band, das von schwarzen Adern durchzogen ist; Vorderflügel mit undeutlichem hellen Fleck in der Flügelmitte und zwei weißen Flecken in der Flügelspitze; Fransen schwarz-weiß gescheckt.

Flügelunterseiten intensiv orange mit weißen, teilweise schwarz geränderten Flecken, kleineren schwarzen Flecken und Strichen und weißgrauer Färbung an der Basis des Hinterflügels.

Ähnliche Art: Der deutlich größere Große Eisvogel (Limenitis populi) ist durch die orangen Flecke auf den Oberseiten der Hinterflügel leicht zu unterscheiden. Der Kleine Eisvogel wird zuweilen mit der Sommerform des Landkärtchens (Araschnia levana) verwechselt.

Gesetzlicher Schutz und Rote Liste

Gesetzlicher Schutz (BArtSchV, BNatSchG): besonders geschützt
Rote Liste Sachsen: vom Aussterben bedroht
Rote Liste Deutschland: Vorwarnliste (noch ungefährdet)

Merkmale

Verbreitung

Von England, Dänemark, Südschweden und Finnland südlich bis in den Norden der Iberischen Halbinsel (Pyrenäen), den Apennin, das griechische Festland und den Kauksaus sowie östlich bis nach Japan (GBIF).

Lebensweise

Die Individualentwicklung verläuft nach einer Beobachtung von Matthias Hartung in den Jahren 2011–2012 wie folgend beschrieben (siehe auch die dazugehörigen Fotos der Tiere aus Wildenstein, Kärnten, Österreich).

Die Weibchen legten die Eier an Roter Heckenkirsche (Lonicera xylosteum) am 13.07.2011 ab. Die Raupen schlüpften nach wenigen Tagen aus den Eiern. Sie begannen mit der Nahrungsaufnahme, indem sie das Blatt von der Blattspitze her abfraßen und die Mittelrippe stehen ließen. Sie verlängern die Mittelrippe, indem sie kleine Kotbällchen an diese anspinnen. Ende August nagte die kleine Raupe das Blatt quer durch und zog den Rest des Blattes mit Spinnfäden so zusammen, dass eine kleine Tüte entstand (Hibernaculum), in der sie überwintern. Nahm man der kleinen Raupe das gefertigte Hibernaculum weg und stellte ihr ein neues Blatt bereit, fertigte sie mit dem neuen Blatt sofort ein neues Hibernaculum. Ab Ende August saßen die kleinen Raupen nur noch im Hibernaculum und nahmen keine Nahrung mehr auf. So wurden die Jungraupen Mitte November in eine Klimabox gebracht, der Wert der Luftfeuchtigkeit sollte hierbei nicht unter 70% betragen, die Temperatur maximal + 10°C. Anfang Februar wurde die Umgebungstemperatur der Raupen schrittweise auf +18°C erhöht. Nach fünf Tagen waren erste Bewegungen der Raupen erkennbar. Sie wurden oft mit Wasser besprüht und der Boden der Gläser mit feuchtem Zellstoff ausgelegt. Es konnte unter dem Mikroskop beobachtet werden, dass die kleinen Raupen die Wassertröpfchen von ca. 0,3 mm Größe regelrecht aufsaugten. Nunmehr wurde auch die Mittelrippe des Blattes und das gesamte Blatt gefressen. Die Jungraupe läuft nach dem Fressen am Blatt unruhig suchend umher, bis sich herausstellte, dass sie einen Ast sucht, der farblich zu ihrem Aussehen passt, an dem sie sich niederlassen und tarnen kann. Die Raupe wächst im Frühjahr sehr schnell. Ihre Fortbewegung ist eher ruckartig. Sie spinnt sich mit kleinen Seidenfäden "Halteseile" am Blatt, womit sie am Blatt bei aufkommenden Wind gesichert ist. Sie frisst zu ihren Lebzeiten 10 bis 15 Blätter. 7–10 Tage nach der letzten Häutung erfolgte am 16.3.2012 die Verpuppung. Die Stürzpuppe hat viele metallisch glänzende Flecken.

Neben Roter Heckenkirsche (Lonicera xylosteum) werden auch Waldgeißblatt (Lonicera periclymenum), Schwarze Heckenkirsche (Lonicera nigra) und Schneebeere (Symphoricarpus albus) als Larvennahrungspflanze genutzt (Hermann 2007).

Die Hibernacula befinden sich oft an waagerechten Zweigen, nur 5–20 cm über dem Erdboden (Hermann 2007).

Lebensräume

Verschiedene Waldgesellschaften und Forste mit hoher Luftfeuchtigkeit, in der Regel mit Bächen durchzogene Laubmischwälder. Wichtig ist das Vorkommen von Larvennahrungspflanzen im Unterholz an luftfeuchten, schattigen Standorten (Hermann 2007).

Bestandssituation

Die Art wird in Sachsen selten nachgewiesen, dürfte jedoch aufgrund ihres Vorkommens im schattigen Unterholz von Wäldern etwas häufiger sein, als es die wenigen Nachweise andeuten. Die Einstufung "vom Aussterben bedroht" in der sächsischen Rote Liste (Reinhardt 2007) ist nach der aktuellen Datenlage nicht mehr gerechtfertigt. Die Nachweise auf Insekten Sachsen sprechen für eine Nutzung von Schwarzer Heckenkirsche und / oder Schneebeere als Larvennahrungspflanzen (vergleiche Verbreitungskarten bei Hardtke & Ihl 2000). Im Winter kann die Art anhand ihres Hibernaculums an der Nahrungspflanze der Larve nachgewiesen werden. Dieses ist etwa 5 mm lang und besteht außen aus einem vertrockneten Blatt. Die überwinternde Larve ist rötlichbraun, bestachelt und von außen entweder nicht oder nur zum Teil sichtbar.

Literatur

  • Hardtke, H.-J. & A. Ihl 2000: Atlas der Farn- und Samenpflanzen Sachsens. – Sächsisches Landesamt für Umwelt und Geologie, Dresden. 806 S.
  • Hermann, G. 2007: Tagfalter suchen im Winter. Zipfelfalter, Schillerfalter und Eisvögel. – Books on Demand, Norderstedt. 224 S.
  • Hoyer, R., D. Wagler, N. Schiwora, U. Fischer & R. Schiller 2019: Limenitis camilla (Linnaeus, 1758) bei Leipzig gefunden! – Mitteilungen sächsischer Entomologen 38 (131): 83–85.

Links

Autor(-en): Katharina Weinberg, Matthias Hartung, Matthias Nuß. Letzte Änderung am 31.10.2020

Kleiner Eisvogel, gezogen aus dem Ei vom 13.7. 2011 bei Wildenstein (Österreich, Kärnten)
(© Matthias Hartung)


Kleiner Eisvogel, gezogen aus dem Ei vom 13.7. 2011 bei Wildenstein (Österreich, Kärnten)
(© Matthias Hartung)


Kleiner Eisvogel, gezogen aus dem Ei vom 13.7. 2011 bei Wildenstein (Österreich, Kärnten)
(© Matthias Hartung)


Larve von L. camilla, die sich aus dem Ei vom 13.7. 2011 bei Wildenstein (Österreich, Kärnten) entwickelte. Vor der Diapause frisst die Larve das Blatt von der Spitze her ab und lässt die Mittelrippe stehen.
(© Matthias Hartung)


Ei von L. camilla am 13.7. 2011 bei Wildenstein (Österreich, Kärnten)
(© Matthias Hartung)


Larve von L. camilla, die sich aus dem Ei vom 13.7. 2011 bei Wildenstein (Österreich, Kärnten) entwickelte. Die Mittelrippe des Blattes wird noch verlängert, indem kleine Kotbällchen angesponnen werden. Es entstehen die sogenannten Kotrippen.
(© Matthias Hartung)


Larve von L. camilla, die sich aus dem Ei vom 13.7. 2011 bei Wildenstein (Österreich, Kärnten) entwickelte. Im Bild ist das fertige Hibernaculum zu sehen, in dem die kleine Raupe überwintert.
(© Matthias Hartung)


Raupe des Kleinen Eisvogels (Limenitis camilla), Laubmischwald, Nähe Groß Kordshagen (Vorpommern-Rügen), Ende April 2019
(© Martin Feike)


Erwachsene Larve von L. camilla, die sich aus dem Ei vom 13.7. 2011 bei Wildenstein (Österreich, Kärnten) entwickelte.
(© Matthias Hartung)


Puppe von L. camilla, die sich aus dem Ei vom 13.7. 2011 bei Wildenstein (Österreich, Kärnten) über mehrere Larvenstadien entwickelte.
(© Matthias Hartung)
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