Silberbläuling (Lysandra coridon (Poda, 1761))

DE Deutschland , DE-SN Sachsen Druckansicht

Diagnose

Vorderflügellänge bis 17–20 mm.

Flügeloberseiten der Männchen silberblau, Vorderflügel mit breitem, dunkelbraunen Rand und ausgehend von diesem die Flügeladern in die Flügelfläche hinein dunkelbraun gefärbt; Hinterflügelrand mit schwarzen Randflecken. Weibchen vollständig samtbraun und mit orangen Randflecken, die aber auch fehlen können; das Braun der Flügel kann mit blau-grünem Glanz überzogen sein sowie manche Weibchen identisch zu den Männchen vollständig silberblau gefärbt. Flügelfransen in beiden Geschlechtern schwarz-weiß gescheckt.

Flügelunterseiten des Männchens im Vorderflügel weiß, im Hinterflügel hellbraun, des Weibchens im Vorderflügel hellbraun, im Hinterflügel braun. Letzterer im Zentrum mit einem weißen Fleck, der nach Außen spitz ausgezogen ist und im Zentrum einen undeutlichen schwarzen Strich aufweisen kann.

Ähnliche Art: Im Freiland die Weibchen sowie unterseits auch die Männchen nicht eindeutig vom Himmelblauen Bläuling (Lysandra bellargus) unterscheidbar. Die Männchen beider Arten auf den Flügeloberseiten völlig verschieden (deutsche Namen!). Hybriden der beiden Arten treten in der Natur auf.

Gesetzlicher Schutz und Rote Liste

Gesetzlicher Schutz (BArtSchV, BNatSchG): besonders geschützt
Rote Liste Sachsen: stark gefährdet
Rote Liste Deutschland: ungefährdet

Nomenklatur

Polyommatus coridon (Poda, 1761)

Merkmale

Die grünen Larven haben an den Seiten eine und auf dem Rücken zwei Längsreihen gelber Flecke sowie kurze helle Borsten auf der Körperoberfläche.
Die Puppe ist glatt und olivgrün.

Verbreitung

Von Südengland, den Beneluxstaaten, Deutschland, Polen und den baltischen Republiken südlich bis Nordspanien, Italien und Griechenland (einschließlich Balearen, Korsika und Sardinien) sowie östlich bis in die südlich Uralregion Russlands und Westkasachstan (Verovnik et al. 2011–2020; Sinev 2019; Reinhardt et al. 2020). Die nördlich Verbreitungsgrenze verläuft durch Deutschland. Die Art fehlt weitgehend in der norddeutschen Tiefebene, reicht aber in Ostbrandenburg bis an die pommersche Grenze (Gelbrecht et al. 2016; Reinhardt et al. 2020). In Europa vier genetisch distinkte Linien, darunter eine westliche, die bis Sachsen-Anhalt und Thüringen reicht sowie eine östliche, die bis Brandenburg und Sachsen reicht und auf ein Eiszeitrefugium auf dem Balkan zurückgeht (Schmitt & Seitz 2001, 2002; Schmitt & Krauss 2004; Schmitt & Zimmermann 2012; Kühne et al. 2017).

Lebensweise

Ab Mitte Juli schlüpfen die Männchen, die Weibchen etwas später. Sie legen ihre Eier an trockenen Pflanzen oder am Boden ab Ende Juli ab. In den abgelegten Eiern entwickeln sich die Larven, überwintern aber noch im Ei und schlüpfen erst im nächsten Frühjahr. Sie fressen meist an Hufeisenklee (Hippocrepis comosa), in Brandenburg, Sachsen und Ostösterreich aber auch auf der Bunten Kronwicke (Coronilla varia). Die Larven sind dämmerungs- und nachtaktiv und sitzen tagsüber in kleinen Gruppen im Geröll oder Moos unter den Nahrungspflanzen.
Die Verpuppung erfolgt Anfang Juni unter vertrockneten Pflanzen am Boden.

Wie viele andere Arten der Bläulinge gehen auch die Larven des Silberbläulings eine enge Beziehung mit Ameisen ein. Die Larven besitzen spezielle Drüsen, aus denen sie ein süßes Sekret ausscheiden, das die Ameisen auflecken. Die Larven "winken" den Ameisen sogar mit zwei Forstsätzen am Hinterleib zu, um sie anzulocken. Im Gegenzug verteidigen die Ameisen die Larven gegen Feinde und verhindern so, dass parasitische Wespen Eier in die Raupen legen. Verschiedene Arten der Ameisengattungen Lasius, Tetramorium und Myrmica kümmern sich so um die Bläulingslarven. Trotzdem werden aber viele Larven parasitiert.

Lebensräume

Der Silberbläuling lebt auf Kalkböden sowie auf Sand und vulkanischen Böden, wenn sie nicht sauer sind. Er benötigt kurzrasige Magerrasen mit hohem Blütenreichtum als Nektarquelle. Der Silbergrüne Bläuling ist eine Indikatorart für gut erhaltene, basenreiche Magerrasen.

Bestandssituation

Wird die Nutzung der Lebensräume des Silberbläulings intensiviert, zum Beispiel durch Düngung, oder wird die Nutzung aufgegeben, so dass  das Gras verfilzt und das Wachstum von Sträuchern und Bäumen einsetzt, verschwindet er. Da er aber auch in kleinflächigen Lebensräumen wie Böschungen, Wegrändern und Bahndämmen vorkommt, gilt sein Bestand deutschlandweit noch als ungefährdet, jedoch gibt es regionale Unterschiede und in Sachsen ist die Art bereits stark gefährdet.

Literatur

  • Bräu, M., R. Bolz, H. Kolbeck, A. Nunner, J. Voith & W. Wolf 2013: Tagfalter in Bayern. – Eugen Ulmer, Stuttgart. 781 S.
  • Gelbrecht, J., F. Clemens, H. Kretschmer, I. Landeck, R. Reinhardt, A. Richert, O. Schmitz & F. Rämisch 2016: Die Tagfalter von Brandenburg und Berlin. – Naturschutz und Landschaftspflege in Brandenburg 25 (3–4 ): 327 S.
  • Habel, J. C., S. V. Brückmann, J. Krauss, J. Schwarzer, A. Weig, M. Husemann & I. Steffan-Dewenter 2015: Fragmentation genetics of the grassland butterfly Polyommatus coridon: Stable genetic diversity or extinction dept? – Conservation Genetics 16: 549–558.
  • Kühne, G., J. Kosuch, A. Hochkirch & T. Schmitt 2017: Extra-Mediterranean glacial refugia in a Mediterranean faunal element: the phylogeography of the chalk-hill blue Polyommatus coridon (Lepidoptera, Lycaenidae). – Scientific Reports 7: 43533.
  • Reinhardt, R. & R. Bolz, unter Mitarbeit von S. Caspari, J. Gelbrecht, S. Hafner, J. Händel, A. Haslberger, G. Hermann, A. Hofmann, K.-H. Jelinek, D. Kolligs, A. C. Lange, J.-U. Meineke, A. Nunner, A. Schmidt, R. Thust, R. Ulrich, V. Wachlin und weiteren Spezialisten 2012 ("2011"): Rote Liste und Gesamtartenliste der Tagfalter (Rhopalocera) (Lepidoptera: Papilionoidea et Hesperioidea) Deutschlands. S. 165–194. – In: M. Binot-Hafke, S. Balzer, N. Becker, H. Gruttke, H. Haupt, N. Hofbauer, G. Ludwig, G. Matzke-Hajek & M. Strauch, Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands. Band 3: Wirbellose Tiere (Teil 1). – Naturschutz und Biologische Vielfalt 70 (3), herausgegeben vom Bundesamt für Naturschutz, Bonn - Bad Godesberg.
  • Reinhardt, R., H. Sbieschne, J. Settele, U. Fischer & G. Fiedler 2007: Tagfalter von Sachsen. – Entomologische Nachrichten und Berichte, Dresden Beiheft 11: 1–695, 1–48.
  • Reinhardt, R., A. Harpke, S. Caspari, M. Dolek, E. Kühn, M. Musche, R. Trusch, M. Wiemers &J. Settele 2020: Verbreitungsatlas der Tagfalter und Widderchen Deutschlands. – Eugen Ulmer, Stuttgart. 428 S.
  • Sbieschne, H., D. Stöckel, T. Sobczyk, M. Trampenau & R. Reinhardt 2014: Die Schmetterlingsfauna (Lepidoptera) der Oberlausitz. Teil 4: Tagfalter. – Entomologische Nachrichten und Berichte, Beiheft 18: 224 S.
  • Schmitt, T. 2015: Der Silbergrüne Bläuling Polyommatus coridon – Anmerkungen zur Biologie und Biogeographie des Insekts des Jahres 2015 (Lepidoptera). – Entomologische Nachrichten und Berichte 59 (1): 1–8. 
  • Schmitt, T. & J. Krauss 2004: Reconstruction of the colonization route from glacial refugium to the northern distribution range of the European butterfly Polyommatus coridon (Lepidoptera: Lycaenidae). – Diversity and Distributions 10: 271–274.
  • Schmitt, T. & A. Seitz 2001: Allozyme variation in Polyommatus coridon (Lepidoptera: Lycaenidae): identification of ice-age refugia and reconstruction of post-glacial expansion. – Journal of Biogeography 28: 1129–1136.
  • Schmitt, T. & A. Seitz 2002: Postglacial distribution area expansion of Polyommatus coridon (Lepidoptera: Lycaenidae) from its Ponto-Mediterranean glacial refugium. – Heredity 89: 20–26.
  • Schmitt, T. & M. Zimmermann 2012: To hybridize or not to hybridize: what separates two genetic lineages of the Chalk-hill Blue Polyommatus coridon (Lycaenidae, Lepidoptera) along their secondary contact zone throughout eastern Central Europe? – Journal of Zoological Systematics and Evolutionary Research 50: 106–115.
  • Sinev, S. Ju. 2019: Catalogue of the Lepidoptera of Russia. – Zoological Institute, St. Petersburg. 448 S.
  • Tolman, T. & R. Lewington 1998: Die Tagfalter Europas und Nordwestafrikas. – Franckh-Kosmos, Stuttgart. 319 S., 104 Tafeln. (Übersetzung und fachliche Bearbeitung der 1. Aufl. von M. Nuss; 2. Aufl. 2012 von Heidrun Melzer).
  • Verovnik, R., M. Wiemers & A. Vliegenthart 2011–2020: Hesperiidae et Lycaenidae. – Fauna Europaea. Accessed through Pan-European Species directories Infrastructure (PESI). – URL: http://www.eu-nomen.eu

Links

Autor(-en): Matthias Nuß, Thomas Schmitt. Letzte Änderung am 09.02.2021

Ein Männchen der osteuropäischen Linie mit breiten dunklen Streifen an den Flügelrändern. Innenkippe Nochten, Juli 2021
(© Matthias Nuß)


Ein Männchen der westeuropäischen Linie mit deutlich schmalerem dunklen Streifen an den Flügelrändern. Oberstreu, Unterfranken, August 2021
(© Matthias Nuß)


Weibchen des Silberbläulings am 11. August 2012 in der Umgebung von Reichwalde
(© Friedmar Graf)


Flügelunterseiten. Neustadt/Spree, 19. Juli 2011
(© Friedmar Graf)


Blaues Weibchen des Silberbläulings vom 1. August 1933 aus Ketsch am Rhein, coll. W. Heinitz. Senckenberg Museum für Tierkunde Dresden
(© Matthias Nuß)


Männliche Silberbläulinge beim Aufsaugen von Mineralien auf dem Boden. Juli 2017 bei Neustadt (Spree)
(© Matthias Nuß)


Männlicher Silberbläuling beim Aufsaugen von Mineralien auf dem Boden. Es scheint, dass auch die Fühler eine Rolle bei der Qualitätsbeurteilung des Bodens spielen. Juli 2017 bei Neustadt (Spree)
(© Matthias Nuß)


Silberbläuling bei mittäglicher Verschnaufpause auf einer noch unvollständig geöffneten Doldenblüte. Juli 2017 bei Neustadt (Spree)
(© Matthias Nuß)


Langanhaltend saugen die Falter (im Bild ein Weibchen) an gelb blühenden Schmetterlingsblütengewächsen, insbesondere an dem reichlich vorhandenen Hornklee. Juli 2017 bei Neustadt (Spree)
(© Matthias Nuß)


Langanhaltend saugen die Falter (im Bild ein Männchen) an gelb blühenden Schmetterlingsblütengewächsen, insbesondere an dem reichlich vorhandenen Hornklee. Juli 2017 bei Neustadt (Spree)
(© Matthias Nuß)


Auf den Blüten der Bunten Kronwicke. Neustadt (Spree), Juli 2017
(© Matthias Nuß)
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