Diagnose
Vorderflügellänge: 7–9 mm.
Kopf: Augenvorderrand weiß; Palpen oben schwarz, unten gelb; Kopfhinterrand mit gelbem Kragen.
Thorax: schwarz, oben zwei gelbe Seitenlinien. Im Vorderflügel Vorderrand und Diskoidalmakel schwarz, äußeres transparentes Feld (ETA) höher als breit, Vorderflügel-Saumfeld (AA) zwischen den schwarzen Adern rotbraun beschuppt.
Hinterleib: schwarz, mit drei (Weibchen) bis vier (Männchen) dünnen gelben Ringen; Afterbusch schwarz.
Ähnliche Art: Beim Alteichen-Glasflügler (Synanthedon conopiformis) der Metathorax mit einem gelben Querstreifen, das Verhältnis von Höhe zu Breite des ETA ist 1:1 und die Beschuppung im AA ist leuchtender rot.
Gesetzlicher Schutz und Rote Liste
Rote Liste Deutschland: ungefährdet
Nomenklatur
- Phalaena (Sphinx) salmachus Linnaeus, 1758: 493. (suppressed for the purposes of the Principle of Priority but not for those of the Principle of Homonymy; Melville 1985)
- Sphinx tipuliformis Clerck, 1759: Taf. 9 Fig. 1. (placed on the Official List of Specific Names in Zoology with the Name Number 2916; Melville 1985)
- Sphinx tipula Retzius, 1783
- Sphinx ophioniformis Hübner, 1813
- Aegeria tipuliformis (Clerck, 1759)
- Sesia tipuliformis (Clerck, 1759)
Merkmale
Die Art ist anhand des DNA-Barcodes bestimmbar (BOLD BINs: AAC1839 [nur ein Nachweis von Griechenland] und AAC1840).
Verbreitung
In Europa nördlich des Polarkreises, südlich bis zu den Pyrenäen, den Alpen und auf dem Balkan, östlich bis in den Fernen Osten Russlands, in der Ukraine, der Kaukasusregion und der Nordtürkei (GBIF; PESI; Fibiger & Kristensen 1974; Sinev 2019; Laštůvka & Laštůvka 2025).
Mit den Nahrungspflanzen in andere Erdteile verschleppt. Seit den 1860er Jahren bekannt aus Neuseeland (Fereday 1869), seit 1917 von Tasmanien und seit 1926 aus Melbourne, von wo sich die Art in den Küstenregionen von New South Wales und Victoria ausbreitete (Duckworth & Eichlin 1974). Nordamerika (Duckworth & Eichlin 1978).
Lebensweise
Die Falter fliegen von Mitte Mai bis Anfang August (Schmetterlinge Deutschlands) bei strahlendem Sonnenschein und stellen ihre Aktivität schon bei leichter Bewölkung ein (Fibiger & Kristensen 1974). Das Tagesmuster des Lockverhaltens virginer Weibchen zeigt zwei Spitzen, am intensivsten etwa zwei Stunden vor Sonnenuntergang. Ihre Aktivität endet mit Sonnenuntergang und lebt mit Sonnenaufgang für etwa eine halbe Stunde wieder auf. Ein bis neun Stunden nach Sonnenaufgang zeigen nur wenige Weibchen Lockverhalten. Dann steigt von 10–15 Stunden nach Sonnenaufgang die Lockaktivität ständig. Bis zwei Tage alte Weibchen locken am stärksten. Frisch geschlüpfte und mehr als zwei Tage alte Individuen zeigen geringere Lockaktivität. Über eine fünftägige Periode beginnen virgine Weibchen von Tag zu Tag früher an zu locken, mit einer Gesamtverschiebung bis zu drei Stunden. Dies mag eine Anpassung sein, um die Wahrscheinlichkeit der Begattung zu erhöhen (Búda & Karalius 1985).
Als Nahrungspflanzen werden insbesondere Rote Johannisbeere (Ribes rubrum) und Schwarze Johannisbeere (Ribes nigrum), aber auch Alpen-Johannisbeere (Ribes alpinum), Gold-Johannisbeere (Ribes aureum), Jostabeere (Ribes x nidigrolaria) und Stachelbeere (Ribes uva-crispa) sowie gelegentlich Himbeere (Rubus idaeus), Europäisches Pfaffenhütchen (Euonymus europaeus), Hasel (Corylus) u.a.m. genutzt (Duckworth & Eichlin 1974; Fibiger & Kristensen 1974; Bartsch et al. 1997). In der Slowakei wurde der Dreilappige Papau (Asimina triloba) besiedelt (Kollár & Bakay 2015).
Ein Weibchen legt 20 bis 60 Eier in die Nähe der Knospen, in Achseln oder an das Mark geschnittener Zweige. Die Larven bohren sich in den Zweig ein und fressen das Mark. Die fast ausgewachsenen Larven überwintern an der Basis der Zweige, fressen noch einmal im Frühjahr, bohren ein Ausschlupfloch für den Falter und verpuppen sich. Die Puppe ist mobil und schiebt sich vor dem Schlupf des Falters durch das von der Larve gefertigte Ausschlupfloch. Danach schlüpft der Falter (Duckworth & Eichlin 1978). Die Entwicklung der Larve ist einjährig. Ihre Fraßgänge im Mark sind durch Kotablagerungen schwarz gefärbt (Whitebread et al. 2000).
Die Männchen werden von einer synergistischen Kombination der weiblichen Sexualpheromone E2Z13-18Ac (Voerman et al. 1984), E3Z13-18Ac (Priesner et al. 1986) und weiterer Komponenten (Mozūraitis et al. 2006) angelockt. Die Falter besuchen Blüten verschiedener Pflanzenarten zum Nektarsaugen. Männchen und verpaarte Weibchen werden dabei von den Blütenduftstoffen Phenylacetaldehyd, Methylsalicylat und Dimethylsalicylat angelockt (El-Sayed et al. 2016).
Lebensräume
Natürliche Lebensräume des Johannisbeerglasflüglers dürften Erlenbrüche, Auwälder und andere feuchte Waldlebensräume mit Vorkommen von Roter und Schwarzer Johannisbeere darstellen. Allerdings gibt es aus solchen Lebensräume kaum Nachweise dieser Art. Sie ist ein Kulturfolger und wird regelmäßig in Gärten und Plantagen mit kultivierten Johannisbeeren nachgewiesen (Fibiger & Kristensen 1974; Bartsch et al. 1997; Whitebread et al. 2000).
Bestandssituation, wirtschaftliche Bedeutung und biologische Regulation
Die Larven des Johannisbeer-Glasflüglers entwickeln sich besonders im drei- und mehrjährigen Holz der Roten Johannisbeere bzw. im zwei- und mehrjährigen Holz der Schwarzen Johannisbeere. Dies ist im Wesentlichen auch das fruchttragende Holz. Durch den Larvenbefall wird das Holz brüchig, was insbesondere in Plantagen mit maschineller Ernte zu erheblichen Verlusten führen kann. Nach der Ernte sollten vierjährige und ältere Triebe herausgeschnitten werden, damit sich der Busch verjüngen kann und das Schnittgut entfernt werden, damit die Glasflüglerpopulation reduziert wird.
Ein Blütenangebot, in Plantagen in den Arbeitsgassen, geht in Roten Johannisbeeren mit hohen Parasitierungsraten von bis zu 60% durch die Schlupfwespe Lissonota frontalis einher. In Schwarzen Johannisbeeren scheint dieser Parasitoid nicht aufzutreten. Ein weiterer, allerdings einmalig festgestellter Parasitoid ist die Brackwespe Chelonus annulatus (Nuss, unveröff.). Nach Pühringer (1995) werden die Larven von der Brackwespe Bracon triangularis parasitiert.
In Plantagen kann mithilfe von synthetischen Pheromonen und künstlichen Fallen (Verwirrmethode) eine Paarungsstörung herbeigeführt werden, die sich negativ auf die Populationsentwicklung auswirken kann (Suckling et al. 2005). El-Sayed et al. (2016) regen an, diese Methode mit Blütenduftstoffen zu kombinieren.
In Tasmanien wurden mit der Applikation der Nematode Neoaplectana bibionis bei den Larven des Johannisbeer-Glasflüglers Mortalitätsraten von 90% erreicht (Miller & Bedding 1982).
Die Applikation von synthetischen Insektiziden, auch systemisch wirkenden, zeigt in der Regel ungenügende Erfolgsraten, da die Larven im Mark der Stengel leben, hier gut gegen die Insektizide geschützt sind und nur beim Ein- und Ausbohren mit den Wirkstoffen auf der Rinde und/oder in den Leitungsbahnen in Kontakt kommen.
Literatur
- Bartsch, D., E. Bettag, R. Bläsius, E. Blum, A. Kallies, K. Spatenka & F. Weber 1997: Sesiidae (Glasflügler). – In: G. Ebert, Die Schmetterlinge Baden-Württembergs 5. – Ulmer, Stuttgart, 575 S.
- Búda, V. & V. Karalius 1985: Calling behaviour of females of currant clearwing moth, Synanthedon tipuliformis (Clerck) (Lepidoptera, Sesiidae). – Zeitschrift für angewandte Entomologie 100: 297–302.
- Clerck, C. A. 1759: Icones Insectorum rariorum Cum Nominibus eorum trivialibus, locisque e C. Linnaei Arch: R: et Equ: Aur: Syst: Nat: allegatis. – Holmiae, [4]+[4] S., Taf [1]–[16].
- Duckworth, W. D. & T. D. Eichlin 1974: Clearwing moths of Australia and New Zealand (Lepidoptera: Sesiidae). – Smithsonian Contributions to Zoology 180: 45 S., 50 Abb., 6 Karten.
- Duckworth, W. D. & T. D. Eichlin 1978: The Clearwing Moths of California (Lepidoptera: Sesiidae). – California Department of Food and Agriculture Occasional Papers in Entomology 27: 1–80, Fig. 1–40, Taf. 1–8.
- El-Sayed, A. M., J. Revell, A. Jiménez-Perez, A. Harper & D. M. Suckling 2016: Identification of a floral-derived kairomone for currant clearwing, Synanthedon tipuliformis. – Chemoecology 26: 187–193.
- Fereday, R. W. 1869: Sesia tipuliformis in New Zealand. – The Entomologists' Monthly Magazine 6: 146.
- Fibiger, M. & N. P. Kristensen 1974: The Sesiidae (Lepidoptera) of Fennoscandia and Denmark. – Fauna Entomologica Scandinavica 2: 91 S.
- Gottwald, R. & B. Freier 1990: Johannsbeerglasflügler (Synanthedon tipuliformis Clerck). – Nachrichtenblatt für den Pflanzenschutz in der DDR 44 (4): 97.
- Hardy, R. J. 1982: The biology and behaviour of Currant borer moth, Synanthedon tipuliformis (Clerck) (Lepidoptera: Aegeriidae) in Tasmania. – Australian Journal of Entomology 21: 103–109.
- Karalius, V. & V. Būda 2007: Colour vision in Currant clearwing moth (Synanthedon tipuliformis) (Lepidoptera: Sesiidae). – Acta Zoologica Lituanica 17 (3): 198–202.
- Kollár, J. & L. Bakay 2015: The Currant Clearwing moth Synanthedon tipuliformis (Clerck, 1759) as a new pest for pawpaw (Asimina triloba L.) in Slovakia – short communication. – Plant Protection Science 51 (3): 153–155.
- Laštůvka, Z. & A. Laštůvka 2025: Clearwing Moths of Europe. Identification, Biology and Distribution (Lepidoptera: Sesiidae). – Mendelova univerzita v Brně, 85 S.
- Linnaeus, C. 1758: Systema naturae per regna tria naturae, secundum classes, ordines, genera, species, cum characteribus, differentiis, synonymis, locis. – Laurentii Salvii, Holmiae. 1–824.
- Melville, R. V. 1985: Opinion 1288. Sphinx tipuliformis Clerck, 1759 (Insecta, Lepidoptera): Conserved. – The Bulletin of Zoological Nomenclature 42 (1): 17–18.
- Miller, L. A. & R. A. Bedding 1982: Field testing of the insect parasitic nematode, Neoaplectana bibionis [Nematoda: Steinernematidae] against currant borer moth, Synanthedon tipuliformis [Lep.: Sesiidae] in blackcurrants. – Entomophaga 27: 109–114.
- Mozūraitis, R., V. Karaliusa, V. Būda & A.-K. Borg-Karlson 2006: Inter- and Intraspecific Activities of Compounds Derived from Sex Pheromone Glands of Currant Borer, Synanthedon tipuliformis (Clerck) (Lepidoptera: Sesiidae). – Zeitschrift für Naturforschung C 61 (3-4): 278–284.
- Priesner, E., G. Dobler & S. Voerman 1986: Synergism of positional isomers in sex-attractant systems of clearwing moths (Sesiidae). – Entomologia Experimentalis et Applicata 41: 311–313.
- Pühringer, F. 1995: Zur Biologie der oberösterreichischen Glasflügler (Lepidoptera, Sesiidae). – Entomologische Arbeitsgemeinschaft Salzkammergut, Jahresbericht 1994. 1–84.
- Scott, R. R. & R. A. Harrison 1979: The biology and life history of currant clearwing, Synanthedon tipuliformis (Lepidoptera: Sesiidae), in Canterbury. – New Zealand Journal of Zoology 6 (1): 145–163.
- Sinev, S. Ju. 2019: Catalogue of the Lepidoptera of Russia. – Zoological Institute, St. Petersburg. 448 S.
- Suckling, D. M., A. R. Gibb, G. M. Burnip, C. Snelling, J. De Ruiter, G. Langford & A. M. El-Sayed 2005: Optimization of pheromone lure and trap characteristics for currant clearwing, Synanthedon tipuliformis. – Journal of Chemical Ecology 31 (2): 393–406.
- Voerman, S., C. J. Persoons & E. Priesner 1984: Sex attractant for currant clearwing moth Synanthedon tipuliformis (Clerck) (Lepidoptera: Sesiidae). – Journal of Chemical Ecology 10 (9): 1371–1376.
- Whitebread, S., D. Bartsch, H. Blöchinger, R. Bryner, R. Guenin, W. Hirschi, F. Pühringer, W. Sauter, J. Schmid & P. Sonderegger 2000: Sesiidae. S. 117–252. – In: Lepidopterologen Arbeitsgruppe, Schmetterlinge und ihre Lebensräume, Arten – Gefährdung – Schutz. Schweiz und angrenzende Gebiete, Band 3, Hepialidae, Cossidae, Sesiidae, Thyrididae, Lasiocampidae, Lemoniidae, Endromidae, Saturniidae, Bombycidae, Notodontidae, Thaumetopoeidae, Dilobidae, Lymantriidae, Arctiidae. – Pro Natura – Schweizer Bund für Naturschutz, Verlag Neue Medien, Egg.
Links
Autor(-en): Matthias Nuß. Letzte Änderung am 11.01.2026
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Neben einer Johannisbeer-Plantage bei Meißen, Juni 2019
(© Michael Braune)
Neben einer Johannisbeer-Plantage bei Meißen, Juni 2019 (© Michael Braune)( Bild vergrößern)
Luchberg, Juni 2019
(© Tommy Kästner)
Hausgarten in Niederwürschnitz,
21.06.2020
(© Jens Heßmann)
Hausgarten in Niederwürschnitz,
21.06.2020 (© Jens Heßmann)( Bild vergrößern)
Larve im Markgang eines Johannisbeertriebs,
Hausgarten in Niederwürschnitz,
21.06.2020
(© Jens Heßmann)
Larve im Markgang eines Johannisbeertriebs,
Hausgarten in Niederwürschnitz,
21.06.2020 (© Jens Heßmann)( Bild vergrößern)
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