Bremsen (Tabanidae)

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Diagnose

Merkmale

Körperlänge: bis 30 mm, in Mitteleuropa bis 25 mm (Tabanus sudeticus).

Körper: Ohne Borsten.

Kopf: Viele Arten mit bunt schillernden Komplexaugen. Fühler dreigliedrig. Die Mundwerkzeuge bestehen aus sechs chitinisierten Stiletten (den unpaarigen Hypopharynx und Labrum sowie den paarigen Mandibeln und Maxillen) sowie dem Labium, das distal zu einer Labella erweitert ist und auf der Unterseite mit dicht nebeneinander angeordneten, nach unten offenen Rinnen versehen ist (Thomas 2012). 

Diversität und Verbreitung

Bremsen kommen weltweit mit Ausnahme weniger Inseln (Hawaii, Grönland, Island) und den Polregionen vor.  4.434 Arten sind beschrieben (Pape et al. 2011). Aus Deutschland sind 58 Arten bekannt (Schacht 1999). Zur sächsischen Bremsenfauna vergleiche die Arbeiten von Jeremies (1981–1995) und Hlozek (2019). Eine molekulargenetsiche Analyse zur Phylogenie wurde von Morita et al. (2015) publiziert.

Lebensweise

Die Adulten fliegen im Sonnenschein, meiden Schatten und sind nicht nachtaktiv.

Die Weibchen der meisten Arten saugen Blut an Tieren, einschließlich des Menschen, um Proteine für die Entwicklung der Eier aufzunehmen. Sie nehmen ihre Wirtstiere aus der Ferne optisch war, sowie aus der Nähe zusätzlich durch die Wärmeabstrahlung. Die Mundwerkzeuge dienen sowohl dem Schneiden einer blutenden Wunde mit den Stiletten als auch der Blutaufnahme mittels der Labellen, welche beim Stich kissenförmig auf der Haut des Wirtes ausgebreitet werden und auf deren Unterseite sich die nach unten offenen Rinnen mit dem austretendem Blut füllen (Thomas 2012). Während des Stiches werden die Blutgerinnung hemmende Stoffe in die Wunde injiziert (Kazimírová et al. 2001). Männchen und Weibchen können zudem Nektar saugen (Kniepert 1980).

Ein Weibchen legt 400–1000 Eier an Pflanzen oder am Boden ab. Die spindelförmigen Larven leben je nach Art in feuchten Böden oder im Wasser. Sie ernähren sich saprophag oder räuberisch. Dabei können ausgewachsene Larven Beutetiere von der Größe einer Kaulquappe überwältigen und mit einem Giftbiss schnell töten (Ziegler 2003). 

Medizinische und veterinärmedizinische Bedeutung

Die relativ großen Mundwerkzeuge verursachen, vor allem wenn Nervenendigungen verletzt werden, schmerzhafte Stiche und führen in der Folge zu lokalen Hautirritationen (Anschwellungen, Schmerz, Juckreiz), die sich über wenige Tage erstrecken können. Deshalb werden Bremsen von Mensch und Tier als lästig empfunden. In wenigen Fällen können allergische Reaktionen auftreten, die medizinisch versorgt werden müssen. Sekundärinfektionen an der Einstichstelle sind selten, können aber eine Antibiotikabehandlung erfordern (Grassberger 2010). 

An den Mundwerkzeugen können Bremsen Krankheitserreger des Blutes mechanisch übertragen, was in Mitteleuropa (bislang) eine untergeordnete Rolle spielt. In Afrika sind einige Arten Überträger des Augenwurms Loa Loa, einem Fadenwurm (Nematoda: Onchocercidae), der die Loaose verursacht. In Skandinavien, Osteuropa und Sibirien übertragen Bremsen das Bakterium Francisella tularensis, welches der Erreger der Tularämie vor allem bei Wildtieren ist. Menschen werden selten infiziert (Grassberger 2010).

In Afrika können bei zahlreicherem Auftreten von Bremsen Rinder durch die ständige Beunruhigung und den Blutverlust abmagern, womit die Milchproduktion beeinträchtigt wird. Weltweit wird das Equine infectious anemia virus (EIAV) durch Bremsen auf Pferde übertragen (Grassberger 2010).

Einsatz von Bremsenfallen

Die biologischen Grundlagen für die Erfassung von Bremsen mittels Fallen wurden u.a. intensiv von Thorsteinson et al. (1958, 1965) und Bracken et al. (1962) erforscht. 

Untersuchungen von Jäckel et al. (2020) zeigen, dass Bremsenfallen im Umfeld von Pferdehaltungen innerhalb einer Saison in einer einzigen Falle mehrere Tausend Insekten fangen können, unter denen sich nur weniger als 4% Bremsen befinden. Die Autoren betrachten den Einsatz solcher Fallen deshalb als "einen überflüssigen Beitrag zum Insektensterben." Sie heben hervor, dass dem nicht selektiven Fang auch gesetzlich geschützte Arten zum Opfer fallen, weshalb der Einsatz dieser Fallen genehmigungspflichtig sein müsste und fordern ein generelles Aufstellungsverbot in und in der Nähe von Schutzgebieten.

Artbestimmung

Ein Bestimmungsschlüssel für die mitteleuropäischen Arten nach äußeren Körpermerkmalen wurde von Völlger & Jeremies (1985) publiziert.

Literatur

  • Bracken, G. K., W. M. Hanec & A. J. Thorsteinson 1962: The orientation of horse flies and deer flies (Tabanidae: Diptera): II. The role of some visual factors in the attractiveness of decoy silhouettes. – Canadian Journal of Zoology 40 (5): 685–695.
  • Chvála, M., L. Lyneborg & J. Moucha 1972: The Horse Flies of Europe (Diptera, Tabanidae). – Copenhagen. 500 S.
  • Eckert, J., K. T. Friedhoff, H. Zahner & P. Deplazes 2008: Lehrbuch der Parasitologie für die Tiermedizin. – Enke Verlag, Stuttgart.
  • Grassberger, M. 2010: Tabanidae (Bremsen). – In: H. Aspöck, Krank durch Arthropoden. – Denisia, Linz 30: 261–266.
  • Hlozek, M.-L., M. Freick, M. Jentzsch & D. Werner 2019: Erfassung von Dipteren mit Bremsenfallen auf einer Rinderweide in Ceesewitz (Sachsen) (Diptera, Nematocera: Simuliidae, Brachycera: Asilidae, Stratiomyidae, Syrphidae, Tabanidae, Xylophagidae). – Sächsische Entomologische Zeitschrift 10: 19–27.
  • Horváth, G., J. Majer, L. Horváth, I. Szivák & G. Kriska 2008: Ventral polarization vision in tabanids: horseflies and deerflies (Diptera: Tabanidae) are attracted to horizontally polarized light. – Naturwissenschaften. 95 (11): 1093–1100.
  • Jäckel, N., M. Kraemer, B. Walter & H. Meinig 2020: "Bremsenfallen" – ein überflüssiger (und wahrscheinlich illegaler) Beitrag zum Insektensterben. – Natur und Landschaft 95 (3): 129–134. [Korrigendum: Natur und Landschaft 95 (8): 384]
  • Jeremies, M. 1981: Beitrag zur Bremsenfauna (Diptera, Tabanidae) der Oberlausitz. – Natura lusatica 8: 45–52.
  • Jeremies, M. 1982: Beitrag zur Tabanidenfauna (Diptera) der DDR. – Entomologische Nachrichten und Berichte 26 (1): 8–13.
  • Jeremies, M. 1983: Neue Ergebnisse zur Bremsenfauna (Diptera, Tabanidae) der Oberlausitz. – Abhandlungen und Berichte Naturkundemuseum Görlitz 58: 65–70.
  • Jeremies, M. 1985: Ein weiterer Fund von Hybomitra expolicata vom Gebiet der DDR. – Entomologische Nachrichten 29: 1: 23.
  • Jeremies, M. 1995: Kommentiertes Verzeichnis der Dipterenfamilien Tabanidae (Bremsen) und Stratiomyidae (Waffenfliegen) des Freistaates Sachsen. – Mitteilungen Sächsischer Entomologen 28: 7–11.
  • Jeremies, M. 1995: Kommentiertes Verzeichnis der Dipterenfamilien Tabanidae (Bremsen) und Stratiomyidae (Waffenfliegen) des Freistaates Sachsen. – Mitteilungen Sächsischer Entomologen 28: 7–11.
  • Kazimírová, M., M. Šulanová, M. Kozánek, P. Takáč, M. Labuda & P. A. Nuttall 2001: Identification of anticoagulant activities in salivary gland extracts of four horsefly species (Diptera, Tabanidae). – Haemostasis 31 (3–6): 294–305.
  • Kniepert, F. 1980: Blood-feeding and nectar-feeding in adult Tabanidae (Diptera). – Oecologia 46: 125–129.
  • Kojima, T., K. Oishi, Y. Matsubara, Y. Uchiyama, Y. Fukushima, N. Aoki, S. Sato, T. Masuda, J. Ueda, H. Hirooka & K. Kino 2019: Cows painted with zebra-like striping can avoid biting fly attack. – PLOS ONE 14 (10): e0223447.
  • Morita, S., K. M. Bayless, D. K. Yeates & B. M. Wiegmann 2015 (online): Molecular phylogeny of the horse flies: a framework for renewing tabanid taxonomy. – Systematic Entomology 41 (1), 2016 (print): 56–72.
  • Pape, T., V. Blagoderov & M. B. Mostovski 2011: Order Diptera Linnaeus, 1758. – In: Z.-Q. Zhang, Animal biodiversity: An outline of higher-level classification and survey of taxonomic richness. – Zootaxa 3148: 222–229.
  • Schacht, W. 1999: Tabanidae. – In: H. Schumann, R. Bährmann & A. Stark, Checkliste der Dipteren Deutschlands. – Studia dipterologica, Suppl. 2: 113–114.
  • Thomas, A. 2012: Horse Fly head. – Micscape Magazine 198: 2 S.
  • Thorsteinson, A. J. 1958: The orientation of horse flies and deer flies (Tabanidae, Diptera): I. The attractance of heat to tabanids. – Entomologia experimentalis et applicata 1 (3): 191–196.
  • Thorsteinson, A. J., G. K. Bracken & W. Hanec 1965: The orientation behaviour of horse flies and deer flies (Tabanidae, Diptera). III. The use of traps in the study of orientation of tabanids in the field. – Entomologica experimentalis et applicata 8 (3): 189–192.
  • Völlger, E. & M. Jeremies 1985: Bestimmungsschlüssel für mitteleuropäische Bremsen. – Entomologische Nachrichten und Berichte 29: 1–11.
  • Ziegler, J. 2003: Diptera, Zweiflügler (Fliegen und Mücken). S. 756–860. – In: H. H. Dathe, Lehrbuch der Speziellen Zoologie. Band 1: Wirbellose Tiere. 5. Teil: Insecta. – Spektrum Akademischer Verlag und Gustav Fischer Verlag Jena.
Autor(-en): Matthias Nuß. Letzte Änderung am 24.03.2021
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