Erster gesamtdeutscher Atlas der Tagfalter und Widderchen erschienen

03.06.2020

Wie sehen die aktuellen Trends bei den deutschen Tagfaltern und Widderchen aus? Welche Arten kommen wo vor? Welche Bestände sind in den letzten Jahrzehnten verschwunden? Wo haben sich Neuankömmlinge etabliert?

Solche Informationen bietet der neue Atlas für die 184 in Deutschland einheimischen Tagfalter- und 24 Widderchenarten, die ebenfalls tagsüber aktiv sind. Jede dieser insgesamt 208 Arten stellen Autoren in einem kurzen Portrait mit Informationen zu Lebensräumen und Biologie, Gefährdung und Schutz sowie attraktiven Fotos vor. Für die Tagfalter gibt es detaillierte Verbreitungskarten, die in zehn mal zehn Kilometer große Quadrate unterteilt sind. Die Symbole für die Nachweise zeigen an, ob eine Art dort bis zum Jahr 1900, in verschiedenen Abschnitten des 20. Jahrhunderts oder nach dem Jahr 2000 nachgewiesen wurde.
All diese Informationen zusammenzutragen, war eine echte Herausforderung. "Als wir vor etwa zehn Jahren die Idee und das Konzept für den Atlas entwickelten, war nicht abzusehen, welchen materiellen, technischen, personellen und administrativen Aufwand es zu bewältigen galt", sagt Erst-Autor Rolf Reinhardt aus dem sächsischen Mittweida, als Vertreter der Entomofaunistischen Gesellschaft. Nur dank der meist ehrenamtlichen Mitarbeit zahlreicher Falter-Enthusiasten aus ganz Deutschland habe man das Mammut-Projekt überhaupt realisieren können.
Denn hinter jedem Punkt auf der Karte steckt viel Arbeit und Erfahrung. Schließlich galt es, möglichst zahlreiche Informationen über die Vorkommen der einzelnen Arten auszuwerten, auf ihre Plausibilität und Aktualität zu prüfen und wenn möglich auch über längere Zeiträume zu vergleichen. Da Tagfalter populäre Insekten sind, gibt es zu diesem Thema auch reichlich Beobachtungen. Landesämter und Behörden haben ebenso Daten zusammengetragen wie Vereine, Museen, Arbeitsgemeinschaften, wissenschaftliche Projekte oder interessierte Privatleute. Das UFZ hat 2005 zudem gemeinsam mit der Gesellschaft für Schmetterlingsschutz (GfS) ein Citizen Science-Projekt namens "Tagfalter-Monitoring Deutschland" ins Leben gerufen, bei dem alle Interessierten mitmachen können. Bundesweit laufen Falter-Fans seither im Sommerhalbjahr immer wieder festgelegte Strecken ab und zählen die dabei beobachteten Tiere.
Das Problem war, dass all diese Informationen in unterschiedlichen Datenbanken gespeichert waren, die nicht unbedingt miteinander kompatibel sind. Diesen Wissensschatz verwertbar zu machen, war für Bioinformatiker Alexander Harpke vom UFZ daher ein hartes Stück Arbeit. Mehr als sechs Millionen Datensätze hat er dafür im Laufe der Jahre aufbereitet. "Die eigens für den Atlas entwickelte Daten-Infrastruktur ist wegweisend und soll als Basis auch für zukünftige Biodiversitätsprojekte dienen", betont der Forscher.
Mit ihrer Hilfe ist es nun zum ersten Mal gelungen, einen kompletten Überblick über die Vorkommen sämtlicher Tagfalter und Widderchen Deutschlands zu gewinnen. Das einzige vergleichbare Werk, das es bisher gab, stammte noch aus den 1980er Jahren und beschränkte sich auf das Gebiet der DDR. Ansonsten war die Falterwelt nur für einzelne Bundesländer oder Regionen genau erfasst worden. Entsprechend stolz ist man beim Verlag Eugen Ulmer auf den ersten bundesweiten Atlas. "Der Band ist ein Highlight unseres äußerst erfolgreichen Buchprogramms zu Natur- und Artenschutz, in dem in den letzten Jahren Standardwerke zu Wildbienen, Amphibien und dem Wolf veröffentlicht wurden", sagt Programmleiter Volker Hühn.
In ihrem Vorwort zum Atlas betont Prof. Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfN): "Mit dem ersten bundesweiten Verbreitungsatlas der Tagfalter und Widderchen liegen ein beeindruckender Überblick und ein Referenzwerk vor. Er soll aber auch dazu anregen, am Schutz der Tagfalter aktiv mitzuwirken und sich im Rahmen von Kartierprojekten weiter zu engagieren. Denn die kontinuierliche Erfassung der Artenvielfalt und die Durchführung von gezielten Schutz- und Pflegemaßnahmen sind zum dauerhaften Erhalt der biologischen Vielfalt unbedingt notwendig".
Selbst wer sich nur aus ästhetischen Gründen für Schmetterlinge interessiert, kommt dank der zahlreichen Fotos auf seine Kosten. Vor allem aber können sich Behördenvertreter und Wissenschaftler, Naturschützer und andere Falter-Fans nun einen Überblick über die aktuellen Entwicklungen in der Schmetterlingswelt verschaffen - sei es bundesweit oder vor der eigenen Haustür.
So tauchen in dem Atlas auch Arten auf, die bis vor kurzem in Deutschland gar nicht vorkamen. Der wärmeliebende Karst-Weißling, der inzwischen auf Schleifenblume und Wilder Rauke in Gärten lebt, ist zum Beispiel erst im Jahr 2008 aus der Schweiz eingewandert und breitet sich nun auch hierzulande aus.
"Die Karten zeigen aber auch sehr deutlich, wo welche Arten im Laufe des 20. Jahrhunderts verschwunden sind", erklärt Schmetterlingsexperte Prof. Josef Settele vom UFZ. Das sei vor allem für den Naturschutz interessant. So werde man bei der Erstellung künftiger Roter Listen auf diese Informationen zurückgreifen. "Und wir können auch leicht erkennen, welche Regionen eine besondere Verantwortung für den Erhalt bestimmter Arten haben." Vom Blauschillernden Feuerfalter zum Beispiel gibt es größere Vorkommen nur noch in der Eifel und im Westerwald sowie im Voralpenraum. Falls die Schutzmaßnahmen für den Feuchtgebietsbewohner dort nicht greifen sollten, hat Deutschland in vermutlich nicht allzu ferner Zukunft eine Falterart weniger.

Der Atlas enthält auch die Tagfalterdaten aus dem INSEKTEN SACHSEN-Projekt. Insgesamt wurden 18.363 Tagfalter-Datensätze übermittelt (Stand: 6. Mai 2019).

Reinhardt, R., A. Harpke, S. Caspari, M. Dolek, E. Kühn, M. Musche, R. Trusch, M. Wiemers & J. Settele 2020: Verbreitungsatlas der Tagfalter und Widderchen Deutschlands. – Ulmer, Stuttgart. 430 S., 568 Farbfotos, 218 farbige Verbreitungskarten, gebunden.

 
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