Eichenprozessionsspinner (Thaumetopoea processionea (Linnaeus, 1758))

DE Deutschland , DE-SN Sachsen

Diagnose

Fühler mit kurzen Doppelkammzähnen, wobei jene der Weibchen kürzer sind. Thorax und Hinterleibsende wollig behaart. Flügel grau; Vorderflügel mit etwas unscharfer Zeichnung und kaum gezackten Querlinien; Hinterflügel weiß, mit dunkler Querbinde. Abgeflogene Tiere sind anhand dieser Merkmale nicht vom Kiefernprozessionsspinner (Thaumetopoea pinivora) zu unterscheiden, doch hat der Kiefernprozessionsspinner vorn am Kopf zwischen den Komplexaugen eine senkrecht verlaufende Reihe aus sechs Chitinzähnen (bei leichter Vergrößerung sichtbar!), die dem Eichenprozessionsspinner fehlen.
Die Larven werden bis zu 3 cm lang, sind grau gefärbt und haben auf dem Rücken auf jedem Segment einen schwarzen "Spiegelfleck". Auf in Reihen angeordneten kleinen Höckern befindet sich je ein Büschel langer, grauweißer Haare. Sie leben gesellig, tagsüber in bis zu fußballgroßen Gespinsten und wandern in sogenannten Prozessionen. Sie leben ausschließlich an Eichen. Unter den heimischen Arten zeigt nur der an Kiefern lebende Thaumetopoea pinivora ein gleiches Verhalten.

Gesetzlicher Schutz und Rote Liste

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Merkmale

Flügelspannweite um die 30 mm.

Die Larven leben gesellig und ausschließlich an Eichen. Nach sechs Häutungen werden sie etwa 3 cm lang, sind grau gefärbt und haben auf dem Rücken auf jedem Segment einen schwarzen, sogenannten "Spiegelfleck". Auf in Reihen angeordneten kleinen Höckern befindet sich je ein Büschel langer, grauweißer Haare. Diese mit bloßem Auge gut zu erkennenden Haare sind von den mikroskopisch kleinen Giftborsten zu unterscheiden, welche die Larven vom 3. bis zum 6. Entwicklungsstadium besitzen. Die Giftborsten sind 70–330 µm lang, nadelförmig und weisen am Ende zahlreiche Spitzen auf.

Verbreitung

Vom nördlichen Mittelmeerraum durch ganz Europa; nördlich bis Großbritannien und Dänemark und Südschweden, östlich bis in den europäischen Teil Russlands (Fauna Europaea), wobei aus Polen und Russland nur Einzelfunde bekannt sind.

Lebensweise

Das Weibchen klebt die Eier durch ein mit Schuppen vermischtes Sekret an glatte Rinde von dünnen Eichenzweigen. 100 – 200 Eier werden in in mehreren Reihen nebeneinander als Gelege abgelegt und nochmals mit Sekret überzogen, wodurch das Gelege die Farbe der Eichenrinde erhält. Die Eier überwintern.
Die Larven schlüpfen mit dem Blattaustrieb, leben vor allem im Mai und Juni gesellig an alten Eichen und ernähren sich von den Blättern. Tagsüber sitzen sie in Seidengespinsten an Eichenstämmen und in Astgabeln. Anfangs ist das Gespinst flach, wird später beutelförmig. Am Ende der Larvalentwicklung kann es bis zu 1 m lang und 30 cm breit sein und die Larven aus mehreren Gelegen enthalten. In den Nestern häuten sich die Larven und hinterlassen Kot. Abends wandern die Larven in Prozessionen (Name! Lateinisch processio – das Ausrücken eines Heeres) zu den Fraßplätzen. Die Prozession hat eine Führerin, die anderen Larven folgen jeweils dicht aufeinander sowie drei bis vier nebeneinander. Die Verpuppung erfolgt im Gespinst an den Bäumen, am Stammfuß oder am Erdboden. Jede Larve spinnt sich vor der Verpuppung einen gelbgrauen bis rotbraunen Kokon. Die Kokons liegen dicht beieinander.
Als natürliche Feinde der Larven kommen unter den Vögeln vor allem der Kuckuck (Weidner 1937) sowie unter den Insekten vor allem Raupenfliegen, parasitische Hautflügler und räuberische Käfer infrage (Schwenke 1978). 
Die Falter fliegen nachts von Juli bis Anfang September. Die Falter fliegen künstliche Lichtquellen an.

Lebensräume

Der Eichenprozessionsspinner kommt vor allem an einzeln stehenden Eichen, Alleen, Parkanlagen und Eichenwälder vor. Er ist durchaus in Siedlungsbereichen anzutreffen. Besiedelt werden vor allem besonnte Kronenbereiche der Eichen.

Bestandssituation

Der Eichenprozessionsspinner wurde 2009 erstmals seit 1915 wieder in Sachsen nachgewiesen. Dieser Wiederfund steht im Zusammenhang mit einer Arealerweiterung in Sachsen-Anhalt und Brandenburg (Sobczyk & Bachmann 2010). Inzwischen wird er in einem Dreieck zwischen dem Leipziger Raum, Falkenberg und Dresden nachgewiesen. Vermutlich wird er oft übersehen und jede Meldung ist wichtig.

Wirtschaftliche Bedeutung

Bei entsprechender Populationsdichte können die Larven Kahlfraß verursachen und wandern dann zum nächsten Baum. In Ostdeutschland sind Massenvermehrungen seit Langem beschrieben. Genannt seien Grünewalde bei Schönbeck an der Elbe (1876 mit 27.000 Larvennestern auf 4,5 ha), Dessau (1886, 1887) (Eckstein 1915) und Rathenow (1970) (Haeger 1971).  Kahlfraß wird meist durch den Johannistrieb der Eichen kompensiert. So führt Kahlfrass durch den Eichenprozessionsspinner als alleinige Ursache kaum zur Gefährdung der Eichen. In Zusammenwirken mit anderen Arten (Mehltau am Johannistrieb, andere blattfressende Schmetterlingsarten, rindenbrütende Käfer wie Eichensplintkäfer und Eichenprachtkäfer) und/oder ungünstigem Witterungsverlauf kann es jedoch zum Absterben von Eichen kommen.
Bekämpfungsmaßnahmen sollten vornehmlich dort erfolgen, wo es gilt, in besiedelten Gebieten die Gesundheit der dort lebenden Menschen zu schützen. Dabei ist mechanischen Verfahren der Vorzug zu geben. Das Entfernen der Gespinstnester soll ausschließlich durch Fachfirmen erfolgen!

Medizinische Bedeutung

Vom 3. bis zum 6. Entwicklungsstadium besitzen die Larven 70–330 µm lange, nadelförmige Borsten, die am Ende zahlreiche Spitzen aufweisen. Diese Borsten dringen mit ihren Spitzen leicht in die menschliche Haut ein, lassen sich aufgrund ihrer geringen Größe und den als Widerhaken fungierenden Spitzen jedoch schwer entfernen. Zudem brechen diese Borsten leicht und setzen Eiweiße frei, darunter ein Histamin freisetzendes Eiweiß, wahrscheinlich Thaumetopoein. Die Borsten und die in ihnen enthaltenen Eiweiße können beim Menschen schwere pseudoallergische Reaktionen hervorrufen, die Raupendermatitis. Diese umfasst insbesondere Pruritus, Dermatitis und Konjunktivitis, aber auch Symptome der oberen Atemwege, inklusive Atemnot. Die Hautreaktionen können ein bis zwei Wochen andauern sowie Bindehautentzündungen, Fieber und Schwindel auslösen. Allergische Schockreaktionen sind möglich (Maier et al. 2003).
Die Berührung von Larven und Gespinsten muss unbedingt unterbleiben. Es ist zu beachten, dass die Giftborsten auch nach der Häutung in Befallsgebieten verbleiben und möglicherweise noch nach Jahren unvermindert wirksam sein können. Personen, die sich trotzdem in Befallsgebieten aufhalten müssen, z. B. Waldarbeiter, müssen Schutzkleidung tragen, besonders um Augen, Nase und Mund zu schützen.

Literatur

  • Brauns, A. 1976: Taschenbuch der Waldinsekten. – Gustav Fischer Verlag, Suttgart. 2 Bände, 817 S.
  • Eckstein, K. 1915: Die Schmetterlinge Deutschlands mit besonderer Berücksichtigung der Biologie. II. Band. – Schriften des Deutschen Lehrervereins für Naturkunde 32. K. G. Lutz Verlag, Stuttgart. S. 1–84, Taf. 17–32.
  • Gäbler, H. 1954: Prozessionsspinner. – Die Neue Brehm-Bücherei 137. – A. Ziemsen Verlag, Wittenberg Lutherstadt. 38 S.
  • Haeger, E. 1971: Ein Massenauftreten des Eichenprozessionsspinners in der Mark Brandenburg (Lep. Thaum.). – Entomologische Nachrichten 15 (1): 11–12.
  • Koch, M. 1984: Wir bestimmen Schmetterlinge. – Neumann Verlag Leipzig & Radebeul. 792 S.
  • Maier, H., W. Spiegel, T. Kinaciyan, H. Krehan, A. Cabaj, A. Schopf & H. Hönigsmann 2003: The oak processionary caterpillar as the cause of an epidemic airborne disease: survey and analysis. – British Journal of Dermatology 149: 990–997.
  • Schwenke, W. (Hrsg.). 1978: Die Forstschädlinge Europas. 3. Band: Schmetterlinge. – Paul Parey, Hamburg und Berlin. 467 S.
  • Sobczyk, T. 2014: Zum historischen Auftreten von Prozessionsspinnern (Thaumetopoea sp.) in Dresden (Lepidoptera: Notodontidae: Thaumetopoeinae). – Sächsische Entomologische Zeitschrift 7 (2012/2013): 55–59.
  • Sobczyk, T. 2014: Der Eichenprozessionsspinner in Deutschland. Historie – Biologie – Gefahren – Bekämpfung. – BfN-Skripten 365. Bundesamt für Naturschutz, Bonn-Bad Godesberg. 175 S.
  • Sobczyk, T. & M. Bachmann 2010: Der Eichenprozessionsspinner Thaumetopoea processionea (Linnaeus, 1758) wieder in Sachsen (Lepidoptera: Notodontidae). – Sächsische Entomologische Zeitschrift 5: 102–107. [Erratum 2014: Sächsische Entomologische Zeitschrift 7 (2012/2013): 81]
  • Weidner, H. 1937: Beiträge zu einer Monographie der Raupen mit Gifthaaren. – Zeitschrift für angewandte Entomologie 23: 432–484.

 

Autor(-en): Matthias Nuß, Thomas Sobczyk. Letzte Änderung am 12.05.2017

Eichenprozessionsspinner am 23.07.2011 in der Dahlener Heide nachts am Licht
(© Eva-Maria Bäßler)


Ansicht des Kopfes von T. processionea. Eine gezähnte Chitinleiste zwischen den Komplexaugen, wie sie bei T. pinivora vorhanden ist, fehlt.
(© Thomas Sobczyk)


Larve des Eichenprozessionsspinners. 23.06.2013, Freiwalde, Autobahnmeisterei (Brandenburg).
(© Thomas Sobczyk )


Larve des Eichenprozessionsspinners, Rückenansicht. 23.06.2013, Freiwalde, Autobahnmeisterei (Brandenburg).
(© Thomas Sobczyk)


Eichenstamm mit Gespinstnest. 23.06.2013, Freiwalde, Autobahnmeisterei (Brandenburg).
(© Thomas Sobczyk)


Giftborste einer Larve des Eichenprozessionsspinners vom 23.06.2013, Freiwalde, Autobahnmeisterei (Brandenburg), leg. T. Sobczyk, prep. 1131 M. Nuß
(© Matthias Nuß)
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