Heuschrecken (Orthoptera)

Diagnose

Kopf: Mundwerkzeuge nach unten gerichtet (orthognath) und mit starken Mandibeln.

Thorax: Propleuren von Seitenlappen des Pronotums verdeckt, letzteres sattelartig; Vorder- und Mittelbeine sind Laufbeine, Hinterbeine sind Sprungbeine (Metafemora für Springmuskel (Extensor der Tibia) verdickt).

Merkmale

Zur Lauterzeugung dienen Strukturen der Flügel (Langfühlerschrecken, Ensifera) bzw. der Flügel und Hinterbeine (Kurzfühlerschrecken, Caelifera).

Die Organe zur Lautwahrnehmung (Tympanalorgane) befinden sich in der Schiene des Vorderbeines (Protibia) (Langfühlerschrecken, Ensifera) bzw. im ersten Abdominalsegment (Kurzfühlerschrecken, Caelifera).

Sprungvermögen: Femura und Tibia sind in gebeugtem Zustand durch Einrasten der gespannten Beugersehen im Femur miteinander verriegelt und der Streckermuskel gespannt, ohne dass sich die Tibia abspreizt. Das Entspannen des Beugermuskels gibt dessen Sehne frei und es kommt zu einem explosionsartigen Vorschnellen der Tibia in gestreckte Position. Ein Sprung kann mehr als das 100fache der Körperlänge betragen und die Absprunggeschwindigkeit liegt bei 12 km/h.

Lebensweise

Gesang

Der Gesang bzw. das Zirpen der Heuschrecken ist eine Schallerzeugung und Bestandteil der akustischen Kommunikation. Der Frequenzbereich, in dem die einheimischen Arten zirpen und der für die Artbestimmung wichtig ist, liegt zwischen 15 und 50 kHz (Fischer et al. 2016). Zum Vergleich: der Hörbereich des Menschen liegt zwischen 16 Hz und 20 kHz (Audiobereich). Die höheren Töne der Heuschrecken, die oberhalb 20 kHz liegen (Ultraschallbereich), können wir Menschen also nur mithilfe eines Ultraschalldetektors (z. B. für die Erfassung von Fledermäusen) erfassen. 

Thiele et al. (1980) unterscheiden beim Zirpen der Männchen von Laubheuschrecken (Ensifera: Tettigonioidea) zwei Strategien, das gemeinsame Zirpen, um Weibchen anzulocken, die sich außerhalb der Aggregation befinden sowie das individuelle Zirpen, um innerhalb einer Aggregation auf den eigenen Raum aufmerksam zu machen. Die Weibchen antworten auf den Gesang der Männchen. Die Männchen-Weibchen-Duette sind extrem schnell und finden unter Ausnutzung fast des gesamten artspezifischen Ultrasound-Spektrums statt, wobei die Weibchen je nach Art bereits 20 bis 150 ms nach Beginn des Männchengesanges antworten (Heller et al. 2018). Reicht der Gesang nicht aus, um sich gegenseitig zu finden, nutzen Männchen und Weibchen von Tettigonia cantans zusätzlich Substratvibration (Latimer & Schatral 1983). 

Bei den Feldheuschrecken (Caelifera: Acrididae) reagieren die Weibchen ebenfalls mit eigenem Gesang auf den Gesang der Männchen. Flügellose (brachyptere) Weibchen machen in solchen Situationen die entsprechenden Beinbewegungen, können aber aufgrund der fehlenden Flügel keinen Gesang erzeugen (Haskell 1958).

Bei den südamerikanischen Laubheuschrecken (Tettigonioidea) der Gattung Supersonus zirpen die Männchen gewöhnlich im Bereich von 5 kHz (Audio) bis 30 kHz (niedriger Ultraschallbereich). Rufen die Männchen jedoch Weibchen, findet dies im Bereich von 115 kHz, 125 kHz und 150 kHz statt. Dabei dürfte es sich um einen der höchsten Liebesrufe im Tierreich handeln (Sarria-S et al. 2014).

Der Gesang ist zwar grundsätzlich arttypisch und kann deshalb auch zur Artbestimmung im Freiland herangezogen werden, aber er ist innerhalb der Art auch variabel. So berichtet Tembrock (1998), dass bei den Grünen Heupferden Tettigonia cantans und Tettigonia viridissima bei tieferen Temperaturen Zeitmuster und Frequenzmaximum sinken, das arttypische Gesangmuster aber grundsätzlich erhalten bleibt. Auch berichtet er von individualtypischen Mustern, deren relative Intensität höherer Frequenzen bei höherer Temperatur und Sonne zunimmt, wobei die individualtypische Grundstruktur aber erhalten bleibt. Ferner deutet sich an, dass größere Individuen ein Maximum im tiefen Frequenzbreich aufweisen. 

Männchen des Nachtigallgrashüpfers (Chorthippus biguttulus), die an lauten, vielbefahrenen Straßen sitzen, zirpen die tieferen Passagen ihrer Strophen höher. Die tieferen Tonlagen würden sonst durch den Verkehrslärm verschluckt (Lampe et al. 2012).

Literatur

  • Bellmann, H. 2006: Der Kosmos Heuschreckenführer. – Kosmos Verlag, Stuttgart. 350 S.
  • Bellmann, H. 2004: Heuschrecken - Die Stimmen von 61 heimischen Arten. - CD-ROM. Musikverlag Edition Ample.
  • Detzel, P. 2001: Verzeichnis der Langfühlerschrecken (Ensifera) und Kurzfühlerschrecken (Caelifera) Deutschlands. – Entomologische Nachrichten und Berichte, Beiheft 6: 63–90.
  • Fischer, J., D. Steinlechner, A. Zehm, D. Poniatowski, T. Fartmann, A. Beckmann & C. Stettmer 2016: Die Heuschrecken Deutschlands und Nordtirols -  Bestimmen - Beobachten – Schützen. – Quelle & Meyer, 368 S.
  • Haskell, P. T. 1958: Stridulation and associated behaviour in certain orthoptera. 2. Stridulation of females and their behaviour with males. – Animal Behaviour 6 (1–2): 29–42.
  • Heller, K.-G., O. Korsunovskaya, B. Massa & I. Ș. Iorgu 2018: High-speed duetting – latency times of the female acoustic response within the bush-cricket genera Leptophyes and Andreiniimon (Orthoptera, Phaneropteridae). – Zookeys 750: 45–58.
  • Ingrisch, S. 1977: Beitrag zur Kenntnis der Larvenstadien mitteleuropäischer Laubheuschrecken (Orthoptera: Tettigoniidae). – Zeitschrift für angewandte Zoologie 64: 459–501.
  • Klaus, D. & D. Matzke 2011 ("2010"): Heuschrecken, Fangschrecken, Schaben und Ohrwürmer. Rote Liste und Artenliste Sachsens. – Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, Dresden. 36 S.
  • Lampe, U., T. Schmoll, A. Franzke & K. Reinhold 2012: Staying tuned: grasshoppers from noisy roadside habitats produce courtship signals with elevated frequency components. – Functional Ecology 26 (6): 1348–1354.
  • Latimer & Schatral 1983: The acoustic behaviour of the bushcricket Tettigonia cantans. I. Behavioural responses to sound and Vibration. – Behavioural Processes 8 (2): 113–124.
  • Maas, S., P. Detzel & A. Staudt 2002: Gefährdungsanalyse der Heuschrecken Deutschlands. Verbreitungsatlas, Gefährdungseinstufung und Schutzkonzepte. – Bundesamt für Naturschutz, Bonn-Bad Godesberg. 401 S.
  • Müller, H. 1954: Faunistisch‑ökologische Untersuchungen auf den Bienitzwiesen bei Leipzig unter besonderer Berücksichtigung der Heuschrecken. – Diplomarbeit am Zoologischen Institut der Universität Leipzig, 97 S.
  • Sarria-S, F. A., G. K. Morris, J. F. C. Windmill, J. Jackson, F. Montealegre 2014: Shrinking wings for ultrasonic pitch production: Hyperintense ultra-short-wavelength calls in a new genus of neotropical katydids (Orthoptera: Tettigoniidae). – PLOS ONE 9(6): e98708.
  • Song ,H., C. Amédégnato, M. M. Cigliano, L. Desutter-Grandcolas, S. W. Heads, Y. Huang, D. Otte & M. F. Whiting 2015: 300 million years of diversification: elucidating the patterns of orthopteran evolution based on comprehensive taxon and gene sampling. – Cladistics 31 (6): 621–651.
  • Tembrock, G. 1998: Akustische Bioindikation. – Artenschutzreport 8: 17–21.
  • Thiele, D., J. W. Bailey 1980: The function of sound in male spacing behaviour in bush‐crickets (Tettigoniidae, Orthoptera). – Austral Ecology 5 (3): 275–286.

Links

Autor(-en): Matthias Nuß. Letzte Änderung am 24.03.2019
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