Glühwürmchen (Lamprohiza splendidula (Linnaeus, 1767))

DE Deutschland , DE-SN Sachsen

Diagnose

Männchen mit voll entwickelten Vorder- (Elytren) und Hinterflügeln. Halsschild überragt den Kopf vollständig und weist oberhalb der Komplexaugen jeweils einen Fensterfleck auf. Hinterleibende bauchseitig mit zwei Leuchtorganen, die in cremeweißer Färbung erscheinen. Weibchen mit cremeweißen, durchscheinenden Körper, Flügel zu kleinen Stummeln reduziert.

Gesetzlicher Schutz und Rote Liste

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Das Glühwürmchen gehört in Sachsen zu den am besten erforschten Insekten. Während der sächsischen Suchaktion „Wo tanzt das Glühwürmchen?“ von 2007–2009 wurden 3.998 Beobachtungen aus ganz Sachsen mitgeteilt. Ein Großteil der nachfolgend gemachten Angaben geht auf dieses Projekt zurück. Die Projekthomepage ist unter www.laternentanz.eu zu finden.

Merkmale

Die männlichen Käfer sind 8–10mm lang. Ihr Körper ist stark abgeflacht. Die Vorderflügeldecken sind graubraun und mit einer leicht punktierten Struktur versehen. Der Halsschild überdeckt den gesamten Kopf und weist vorn, oberhalb der Komplexaugen, zwei Fensterflecken auf. Die Augen befinden sich etwas bauchwärts und berühren sich fast in der Mitte. Die Mundwerkzeuge sind teilweise reduziert (die Adulten nehmen keine Nahrung, wohl aber Wasser auf). Auf den Hinterleibssegmenten 5 und 6 befinden sich die Leuchtorgane, die am Tage weißlich gefärbt sind. Nach Einbruch der Dämmerung können sie hellgrün leuchten. Die Männchen des Glühwürmchens sind in unserer Natur die einzigen Insekten, die fliegen und gleichzeitig leuchten können.
Die Weibchen sind flügellos, ihr Körper ist cremeweiß und durchscheinend. Die bauchseitig befindlichen Leuchtorgane können so ihr Licht nach oben abgeben. Zusätzlich zu den Leuchtorganen der Hinterleibssegmente 5 und 6 weisen die Weibchen auch im vorderen Bereich des Hinterleibs Leuchtorgane auf. Ihr Leuchtmuster besteht aus vier kräftigen Punkten und einem dahinter befindlichen Leuchtband.
Die Larven weisen einen flachen, schwarz gefärbten Körper auf. Dort, wo sich die Leuchtorgane befinden, ist ihr Außenskelett hellbraun gefärbt. Ihr Leuchten nach Einbruch der Dämmerung ist sehr schwach.
Die Eier sind kugelig und weisen ein Eigenleuchten auf. Ein Weibchen erzeugt 50–147 Eier, die nachts abgelegt werden; im Durchschnitt enthält ein Gelege 60–90 Eier.

Verbreitung

Das Glühwürmchen ist aus Mitteleuropa (Niederlande, Belgien, Deutschland, Liechtenstein, Schweiz, Tschechien, Österreich), Westeuropa (Frankreich), Südeuropa (Italien, Ungarn, Rumänien, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Serbien und Montenegro, Mazedonien, Griechenland) und Osteuropa (Polen, Ukraine, Russland, Georgien) bekannt; Nachweise aus Nordamerika gehen auf Fehlbestimmungen zurück (Olivier 1910; Horion 1953; Alonso-Zarazaga & Geisthardt 2007; Geisthardt & Sató 2007).

Im Westen reicht die Verbreitung bis Nancy (sonst nicht in Frankreich). Soweit bekannt, kommt L. splendidula im Osten bis in den westlichen und südlichen Teil des europäischen Russlands vor (Horion 1953), doch scheint es keine Hinweise auf die östliche Verbreitungsgrenze zu geben. Aus Fernost ist L. splendidula nicht bekannt (Medvedev & Rybkin 1992). Lamprohiza splendidula fehlt in Nordeuropa und bereits in Deutschland nimmt ihre Häufigkeit nach Norden deutlich ab.

Lange (2003) publiziert einen Fund von zwei Exemplaren aus Mecklenburg (Plauer See, 03.07.1999) und verweist darauf, dass L. splendidula der Fachwelt bis dato aus Mecklenburg nur aus dem 19. Jahrhundert bekannt war. Für Schleswig-Holstein ist das Vorkommen von L. splendidula seit Langem aus dem Südosten des Niederelbegebietes bekannt. Am 21.07.1992 wurde ein Männchen 50 km nördlich dieses Gebietes festgestellt, am Rande einer Kiesgrube bei Segrahn im Kreis Herzogtum Lauenburg. Dieser Fundpunkt gilt als das nördlichste Vorkommen von L. splendidula in Mitteleuropa (Tolasch 1999). Aus Dänemark ist die Art nicht bekannt (Hansen 1964). In Großbritannien gilt L. splendidula als nicht indigen. Dennoch gibt es einen historischen Nachweis aus Kent aus dem Jahr 1884, der durch Sammlungsmaterial belegt ist (Allen 1989).

Lebensweise

Etwa 35 Tage nach der Eiablage schlüpfen die Glühwürmchenlarven im August aus dem Ei. Sie fressen vorwiegend Nackt- und Gehäuseschnecken, die bis zu 2-mal so lang und 15-mal schwerer sein können als sie selbst. Die Schnecken werden durch einen Giftbiss getötet und innerhalb von 24–36 Stunden aufgefressen. Die Glühwürmchenlarven häuten sich sechs Mal und überdauern drei Winter. Erst nach 34 Monaten verpuppen sie sich im 4. Lebensjahr im Juni. Nach einer 7-tägigen Puppenruhe schlüpfen die erwachsenen Käfer (Schwalb 1961).
Die Männchen beginnen in der Dämmerung zu fliegen und leuchten. Die Weibchen sitzen am Boden und beginnen offensichtlich erst nach der Wahrnehmung der leuchtenden Männchen ebenfalls zu leuchten. Erst daraufhin können die Männchen die Weibchen finden. Das Leuchten dauert meist nur 30–60 Minuten. Duftstoffe für die Partnerfindung gibt es bei dieser Käferart nicht. Die Lebensdauer der Männchen beträgt 5–7 Tage, die der Weibchen 7–10 Tage. Da die erwachsenen Tiere keine Nahrung aufnehmen können, wird ihr Fettkörper in dieser Zeit vollständig aufgebraucht, womit ihr Nettokörpergewicht auf unter 50% sinkt. Werden die Tiere nicht vorzeitig von Räubern gefressen (viele Männchen werden in Spinnennetzen gefangen), sterben die Männchen nach der Paarung und die Weibchen nach der Eiablage einen Hungertod (Schwalb 1961).
In Sachsen erstreckt sich die Flugzeit der Männchen vom 05.05. bis 05.08; der Höhepunkt liegt in der zweiten Junihälfte und Anfang Juli (Münch et al. 2010b).

Lebensräume

Individuenstarke Populationen kommen in lichten Laub- und Auwäldern sowie in gehölzreichen Tallagen mit Fließgewässern vor. Laubwälder in verschiedenen Vergesellschaftungen, welche die folgenden ökologischen Eigenschaften aufweisen, sind als Lebensraum für Glühwürmchen besonders geeignet:

  • auch an heißen Tagen sinkt die Luftfeuchte nicht unter 80%,
  • kein direktes Sonnenlicht,
  • Vorhandensein von Schnecken (Nahrung der Glühwürmchenlarven),
  • Vorhandensein von Laubgehölzen,
  • Vorhandensein von lockerem Bodenmaterial (Humus, Rohhumus),
  • Vorhandensein frischer Gräser, die am Boden der Wälder wachsen.

Außerhalb solcher Lebensräume können Glühwürmchen auch in Ahornbeständen vorkommen, die keine Krautschicht aufweisen, da das Falllaub der Ahorne ausreichend Nahrung für Schnecken bietet, von denen sich die Glühwürmchenlarven ernähren.
Geeignete Lebensräume, die aber nicht so starke Populationsdichten aufweisen, sind u. a. auch lichte Nadelwälder mit Laubgehölzen in der Strauchschicht (z. B. Blaubeeren) und Gräsern in der Krautschicht sowie städtische Parkanlagen. Letztere zeigen häufig Störfaktoren, sodass sich in diesen Lebensräumen nicht so starke Populationen etablieren können. Zu diesen Störfaktoren zählen insbesondere (1) fehlende Feuchte aufgrund geringer Bestandsgröße und / oder offenem Bestandscharakter, (2) Zerstörung der Mikrohabitate durch Laubentfernung, wobei an die dreijährige Entwicklungszeit der Käfer zu denken ist, und (3) die Grasmahd, welche einen Großteil der Schneckennahrung entfernt. Durch ein Management dieser drei Faktoren ließen sich Glühwürmchen in Laubgehölzen, auch in städtischen Parkanlagen, gezielt fördern.
Aufgrund der Flügellosigkeit der Weibchen können diese, im Zusammenhang mit der Adaptation an Feuchtigkeit, sich nur schwer in der zersiedelten Landschaft ausbreiten. Sind die Tiere an einem z. B. durch Äcker oder Straßen isolierten Ort einmal verschwunden, können sie kaum dorthin zurückkehren.

Bestandssituation

Das Glühwürmchen ist in Sachsen weit verbreitet und in seinem Bestand insgesamt nicht gefährdet. Während der öffentlichen sächsischen Suchaktion von 2007 – 2009 gingen jedoch 91% der erbrachten Fundnachweise auf die Beobachtung von jeweils weniger als einhundert Individuen zurück. Lediglich bei 8% der Beobachtungen wurden 100–999 Individuen, aber nur bei 1% 1.000 und mehr Individuen gezählt. Damit wird deutlich, dass lokal sehr große Unterschiede in den Populationsstärken bestehen. In intakten Lebensräumen wurden an einem Abend mehrere Tausend fliegende Glühwürmchenmännchen beobachtet.

Literatur  

  • Allen, A. A. 1989: Lamprohiza splendidula (L.) (Col., Lampyridae) taken in Kent in 1884. – Entomologist‘s Monthly Magazine 125: 182.
  • Alonso-Zarazaga, M. & M. Geisthardt 2007: Fauna Europaea, version 1.3. – URL: www.faunaeur.org
  • Geisthardt, M. 1974: Das thorakale Skelet von Lamprohiza splendidula (L.) unter besonderer Berücksichtigung des Geschlechtsdimorphismus (Coleoptera: Lampyridae). – Zoologische Jahrbücher, Abteilung für Anatomie und Ontogenie der Tiere 93: 299–334.
  • Geisthardt, M. 1979: Skelet und Muskulatur des Thorax der Larven und Imagines von Lamprohiza splendidula (L.) unter Berücksichtigung der Larve und der weiblichen Imago von Lampyris noctiluca (L.) (Coleoptera: Lampyridae). – Zoologische Jahrbucher. Abteilung fur Anatomie und Ontogenie der Tiere
  • Geisthardt, M. & M. Sató 2007: Lampyridae. S. 225–234. – In: I. Löbl & A. Smetana, Catalogue of Palaearctic Coleoptera 4. – Apollo Books, Stenstrup.
  • Hansen, V. 1964: Fortegnelse over Danmarks biller (Coleoptera). – Entomologiske Meddelelser 33: 1–507.
  • Horion, A. 1953: Faunistik der mitteleuropäischen Käfer. Band 3: Malacodermata Sternoxia (Elateridae bis Throscidae). – Entomologische Arbeiten aus dem Museum G. Frey, München Suppl. I–XX, 1–340.
  • Lange, L. 2003: Bemerkenswerter Fund des Leuchtkäfers Lamprohiza splendidula (Linnaeus, 1767) in Mecklenburg-Vorpommern (Col., Lampyridae). – Entomologische Nachrichten und Berichte, Dresden 47 (1): 50.
  • Medvedev, L. N. & A. B. Rybkin 1992: Lampyridae. S. 26–29. – In: P. A. Lera, Opredelitel Nasekomych Dalnego Wostoka SSSR 3 (2). – Rossiskaya Akademia Nauk. – Nauka, St. Petersburg. [in Russ.]
  • Münch, M., M. Nuss & J. Seidel 2009: Das Glühwürmchen (Lamprohiza splendidula (Linnaeus, 1767)) in Sachsen - Ergebnisse der sächsischen Suchaktion „Wo tanzt das Glühwürmchen?“ aus dem Jahr 2008 (Coleoptera: Lampyridae). – Sächsische Entomologische Zeitschrift 4: 18–32.
  • Münch, M., M. Nuss & J. Seidel 2010a: Das Glühwürmchen (Lamprohiza splendidula (Linnaeus, 1767)) in Sachsen – Ergebnisse der sächsischen Suchaktion „Wo tanzt das Glühwürmchen?“ aus dem Jahr 2009 (Coleoptera: Lampyridae). – Sächsische Entomologische Zeitschrift 5: 31–39.
  • Münch, M., M. Nuss & J. Seidel 2010b: Das Glühwürmchen (Lamprohiza splendidula (Linnaeus, 1767)) in Sachsen – Zusammenfassung der Ergebnisse der sächsischen Suchaktion „Wo tanzt das Glühwürmchen?“ aus den Jahren 2007–2009 (Coleoptera: Lampyridae). – Sächsische Entomologische Zeitschrift 5: 40–48.
  • Nuss, M. & J. Seidel 2008: Historische Vorkommen des Glühwürmchens (Lamprohiza splendidula (Linnaeus, 1767)) in Sachsen (Coleoptera: Lampyridae). – Sächsische Entomologische Zeitschrift 3: 30–38.
  • Nuss, M. & A. Tränkner 2008: Das Glühwürmchen (Lamprohiza splendidula (Linnaeus, 1767)) in Sachsen – Ergebnisse der sächsischen Suchaktion „Wo tanzt das Glühwürmchen?“ aus dem Jahr 2007 (Coleoptera: Lampyridae). – Sächsische Entomologische Zeitschrift 3: 39–48.
  • Olivier, E. 1910: Lampyridae. 68 S. – In: S. Schenkling, Coleopterorum Catalogus 9. – W. Junk, Berlin.
  • Schwalb, H. H. 1961: Beiträge zur Biologie der einheimischen Lampyriden Lampyris noctiluca Geoffr. und Phausis splendidula Lec. und experimentelle Analyse ihres Beutefang- und Sexualverhaltens. – Zoologische Jahrbücher, Abteilung für Systematik, Ökologie und Geographie der Tiere 88 (4): 399–550.
  • Tolasch, T. 1999: Erstnachweis von Lamprohiza splendidula (Linnaeus) in Schleswig-Holstein. – Bombus 3: 164.

Links

Autor(-en): Matthias Nuß. Letzte Änderung am 08.06.2017

Glühwürmchenmännchen (Dorsalansicht). Deutlich zu erkennen ist der den Kopf vollständig überdeckende Halsschild, der am Vorderrand zwei Fensterflecken oberhalb der Komplexaugen, die schwarz durchscheinen, aufweist.
(© H.-P. Reike & M. Nuß)


Glühwürmchenmännchen (Ventralansicht). Deutlich sind am Kopf die sich fast berührenden Komplexaugen sowie auf den Hinterleibssegmenten 5 und 6 die beiden Leuchtorgane zu erkennen.
(© H.-P. Reike & M. Nuß)


Eine Glühwürmchenlarve überwältigt eine Wurmnacktschnecke (Boettgerella pallens).
(© Ekkard Seidl)


Männchen des Glühwürmchens (Lamprohiza splendidula). Lößnitzgrund in Radebeul bei Dresden am 24. Juni 2007.
(© Matthias Nuss)
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