Dramatischer Rückgang von Fluginsekten in Deutschland

19.10.2017

Die Biodiversitätskrise kommt nicht aus den Schlagzeilen. Biologen und Naturschützer beklagen den Rückgang von Populationen (Grünlandschmetterlingsindikator) und Arten (Rote Listen). Die intensiv bewirtschaftete Agrarlandschaft wird zuweilen schon als weißer Fleck auf der Landkarte der Biodiversität bezeichnet (Beleites 2012) und 2013 stellten Sorg et al. einen Rückgang der Insektenbiomasse selbst in einem Naturschutzgebiet bei Krefeld fest.
Nun haben die Krefelder Entomologen in Zusammenarbeit mit niederländischen und englischen Kollegen nachgelegt und Ergebnisse aus 63 Naturschutzgebieten, FFH-Gebieten, Landschaftsschutzgebieten, Wasserschutzzonen und naturschutzfachlich gepflegten Gebieten in Deutschland aus einem Zeitraum von 27 Jahren ausgewertet. Das wurde möglich, weil sich die Krefelder schon Ende der 1980 Jahre entschieden, quantitative Erfassungen von Fluginsekten mit Malaisefallen durchzuführen (Schwan et al. 1993). Dabei realisierten sie einen hohen Grad an Standardisierung zwischen den untersuchten Standorten und über die Jahre. So verwendeten sie beispielsweise stets denselben Fallentyp aus gleichen Stofffarben, stellten die Fallen exakt senkrecht auf, ließen die Stoffbahnen dicht am Boden abschließen, damit Insekten dort nicht entkommen können und richteten den Fallenkopf stets nach Süden aus. Und sie haben alle Proben archiviert, so dass sie für spätere Untersuchungen zur Verfügung stehen.
Von 1989 bis 2016 wurden an den 63 Standorten an 16.908 Fangtagen insgesamt 53,54 kg Wirbellose gesammelt und archiviert. Die durchschnittliche Standzeit pro Falle und Standort beträgt 176 Tage. Die Daten wurden nicht nur getrennt nach Standorten und Jahren, sondern auch getrennt nach Jahreszeiten und ergänzt um Daten über Wetter, Lebensraumeigenschaften und Landnutzung analysiert.
Über alle Jahre und alle Standorte sind die Trends negativ. Die jahreszeitliche Analyse, welche den Zeitraum vom 1. April bis 30. Oktober berücksichtigt, ergibt einen Rückgang der Insektenbiomasse von bis zu 81,6 % [79,7 ‒ 83,4 %] im Hochsommer, über den gesamten Zeitraum der 27-Jahre-Periode von 76,7 % [74,8 ‒ 78,5 %]. Wetter, Lebensraumeigenschaften und Landnutzung erklären diesen Rückgang nur marginal.
Diese Ergebnisse sind alarmierend:
1. Berücksichtigt man die große Anzahl untersuchter Standorte und ihre weiträumige Verteilung in
    Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Brandenburg, muss man davon ausgehen, dass es sich
    bei diesem Biomasserückgang von Fluginsekten um ein allgemeines und weitverbreitetes Problem
    in Mitteleuropa handelt.
2. Alle untersuchten Standorte befinden sich in Gebieten, die einem gesetzlichen Schutzstatus unterliegen
    oder von Verbänden naturschutzfachlich gepflegt werden. Es handelt sich also um einen Rückgang
    außerhalb, aber umgeben von Agrarlandschaften.
3. Bei dem dokumentierten Rückgang handelt es sich nicht (nur) um seltene Arten, deren Rückgang
    bereits dokumentiert ist, sondern um einen andauernden schnellen Rückgang in der Gesamtbiomasse
    von Fluginsekten in Raum und Zeit.
4. Dieser massive Rückgang der Insektenbiomasse in Deutschland muss einen kaskadenartigen Effekt
    in den Nahrungsketten unserer Natur haben, da Insekten eine wichtige Nahrungsgrundlage für viele 
    andere Tiere wie Fische, Amhibien, Reptilien, Vögel und Fledermäuse darstellen.
Beunruhigend ist ferner, dass die eigentlichen Ursachen für diesen Rückgang nicht bekannt sind. Es gibt einen dringenden Bedarf, diese schnell aufzuklären! (mn)

Hier geht es zur wissenschaftlichen Publikation

Zitierte Literatur
  • Beleites, M. 2012: Leitbild Schweiz oder Kasachstan? Zur Entwicklung der ländlichen Räume in Sachsen. AbL Bauernblatt Verlags GmbH.
  • Schwan, H., M. Sorg & W. Stenmans 1993: Naturkundliche Untersuchungen zum Naturschutzgebiet Die Spey (Stadt Krefeld, Kreis Neuss) I. Untersuchungsstandorte und Methoden. – Natur am Niederrhein (NF). 8 (1): 1–13.
  • Sorg, M., H. Schwan, W. Stenmans & A. Müller 2013: Ermittlung der Biomassen flugaktiver Insekten im Naturschutzgebiet Orbroicher Bruch mit Malaise Fallen in den Jahren 1989 und 2013. Mitteilungen aus dem Entomologischen Verein Krefeld 2013 (1): 1–5.

 
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